Autor Thema: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland  (Gelesen 4504 mal)

Offline Allende

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Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« am: Juni 08, 2015, 22:37:01 nachm. »
Hallo Forum

Das jetzt vorgestellte Stück Steinbach/Gotha/Grimma ist ein in Ostdeutschland gefundenes IVA-ANOM-Eisen (frühere Klassifikation: SID = Siderophyr). Zu diesem historischen Meteoriten werden folgende Funde als zugehörig gezählt:

- Steinbach/Gotha/Grimma: Fund 1724, 1 kg
- Rittersgrün: Fund 1833 (oder 1847?), 86.5 kg
- Breitenbach: Fund 1861, 10.5 kg

Mein kleines Sammlungsstück (ehemals 20g, jetzt noch 15.4g) ist ein von einer grösseren Masse abgemeisseltes Bruchstück, das ich 1992 im Tausch mit einer Universität als ein Stück ohne Sammlungsettiket, aber mit der mündlichen mit der Beschreibung „wahrscheinlich Krasnojarsk“ erhalten hatte. Von Krasnojarsk sind viele abgemeisselte Proben mit teils absichtlich herausgebrochenen Olivinen in früheren Zeiten in Universitäts- und Museumssammlungen gelandet. Gespannt, ob es ein Krasnojarsk-Stück war oder nicht, hatte ich kurzerhand die Säge angesetzt und eine Schnittfäche von ca. 5cm²) geschnitten. Die Metallverteilung, die Ätzfiguren nach dem Schleifen und Polieren, die Farbe der Silikateinschlüsse zeigten aber schnell, dass es ein Stück „Steinbach“ und kein Pallasit ist. Steinbach enthält im Gegensatz zu Krasnojarsk als Silikatphase mehrheitlich Bronzit (Pyroxen Fs 15.0) anstelle von Olivin. Der hier gezeigte Dünnschliff ist aus dem Sägeabschnitt der abgemeisselten Probe gefertigt worden.

„Steinbach“-Material ist heutzutage recht gut, zumindest in kleineren Platten, Teilstücken auf dem „Markt“ verfügbar. Heute wird das meiste von diesem Meteoriten im Umlauf befindliche Material pauschal als „Steinbach“ benannt. Das ist vielleicht nicht ganz richtig.

Zur Erklärung:
Die 1833 gefundene Rittersgrün-Masse (86.5 kg = 173 Pfund) wurde 1861 durch Oberbergrath, Professor Breithaupt, durch Ankauf für die mineralogische Sammlung der Freiberger Bergakademie/Sachsen erworben. Die Masse wurde an ihrem grössten Durchmesser (ca. 100 Quadratzoll Fläche) auf Verwendung des Dr. Hörnes, dem damaligen Directors des k.k.Hofmineraliencabinets, in Wien durch einen Herrn Clement, welcher während der zwei volle Monate in Anspruch nehmenden Ausführung 14 Stahlblätter und 2 Centner Schmirgel verbrauchte, geteilt. Der grössere der beiden Abschnitte (heute noch in der Bergakademie Freiburg zu bestaunen) wog 110 Pfund, der kleinere, welchen man behufs näherer Untersuchung wieder in einzelne Platten zersägte, beinahe 48 Pfund. Schnittverlust = 15 Pfund! Daher stammen wohl die meisten der im Umlauf befindlichen „Steinbach“-Stücke, die somit eher als „Rittersgrün“ bezeichnet werden sollten.

Aber egal ob es nun Steinbach oder Rittersgrün genannt wird, es ist tolles, spannendes und zugleich absolut einzigartiges Material (der einzige dieser Art!), leider mit einer leichten Tendenz zur Anrostung. Ein 0.9g Teilscheibli, hälftig aus Silikat bestehend, hälftig aus Metall habe ich noch abzugeben. Bei Interesse einfach eine PM schreiben…

Wer möchte im Anschluss an meine Infos und Bilder sein „Steinbach“-Sammlungsstück vorstellen?

Freundliche Grüsse
Allende  :hut:

Offline Allende

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #1 am: Juni 08, 2015, 22:39:45 nachm. »
Hier die Rückseite.

Scharfkantig Meisselprobe mit Bruchfläche und mit leider nicht mehr entzifferbarer alter roter Sammlungsnummer.

Offline Allende

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #2 am: Juni 08, 2015, 22:41:23 nachm. »
Eine Detailaufnahme der anpolierten und geätzten Fläche. Deutlich erkennbar die feine Widmannstättensche Stuktur eines Of (Balkenbreite ca. 0.3 mm).

Offline Allende

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #3 am: Juni 08, 2015, 22:43:27 nachm. »
Jetzt der universitär hergestellte Steinbach-Dünnschliff. Sorry, das Bild ist vielleicht ein wenig dunkel. Ich muss vielleicht besser tagsüber, statt am Abend unter der Schreibtischlampe...

Offline Allende

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #4 am: Juni 08, 2015, 22:44:55 nachm. »
Und hier die Detailaufnahme des Steinbach-Dünnschliffes. Bildausschnitt ca. 8 x 6.5 mm, ohne Polarisationsfilter.

Offline Thin Section

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #5 am: Juni 08, 2015, 22:56:36 nachm. »
Mein kleines Steinbach "Belegstück". Im Forum schon einmal vorgestellt aber hier nun noch mal im neuen Thread => Historische Meteorite.
A propos, Steinbach enthält 10-60 vol% SiO2 ... jawoll, richtig gelesen, SiO2 !

Bernd  :winke:
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Offline speul

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #6 am: Juni 09, 2015, 20:27:33 nachm. »
Moin moin,
und dazu gehört natürlich auch die passende Publikation von Clemens Winkler:
http://www.astroamateur.de/Rittersgruen/Winkler_Meteorit_Rittersgruen_1878.pdf
Gelegentliche findet man die auch im Original.
und ein kleines Scheibchen kann ich auch noch beisteuern: 1,71 g von einem geschätzten Forenmitglied

Grüße
speul
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Offline Thin Section

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #7 am: Juni 09, 2015, 20:38:14 nachm. »
... und dazu gehört natürlich auch die passende Publikation von Clemens Winkler

Danke, speul, interessant und umfangreich!

Bernd  :winke:
(247553) Berndpauli = 2002 RV234

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Offline MetGold

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #8 am: Juni 10, 2015, 06:41:52 vorm. »
Ah, Steinbach - sehr schön!
Und der Dünnschliff von Allende begeistert mich besonders!  :super:


 :winken:  MetGold

Da will ich doch mein Scheiberl auch noch mal zeigen:
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Offline Allende

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #9 am: Juni 10, 2015, 20:08:26 nachm. »
Hoi zäme

Schön, dass Bewegung in die einzelnen Themen hineinkommt...  :super:

Hier noch ein Internet-Link zu einem MAPS-Artikel von 2006, in dem u.a. recht interessante und ausführliche Informationen zur Zusammensetzung von Steinbach dargestellt sind. Habe den Abstract unten gleich mit drangehängt. Es lohnt sich da mal rein zu lesen.

https://journals.uair.arizona.edu/index.php/maps/article/view/15371

Differentiation and evolution of the IVA meteorite parent body: Clues from pyroxene geochemistry in the Steinbach stony-iron meteorite
A. RUZICKA, M. HUTSON
Abstract:
We analyzed the Steinbach IVA stony-iron meteorite using scanning electron microscopy (SEM), electron microprobe analysis (EMPA), laser ablation inductively-coupled-plasma mass spectroscopy (LA-ICP-MS), and modeling techniques. Different and sometimes adjacent low-Ca pyroxene grains have distinct compositions and evidently crystallized at different stages in a chemically evolving system prior to the solidification of metal and troilite. Early crystallizing pyroxene shows evidence for disequilibrium and formation under conditions of rapid cooling, producing clinobronzite and type 1 pyroxene rich in troilite and other inclusions. Subsequently, type 2 pyroxene crystallized over an extensive fractionation interval. Steinbach probably formed as a cumulate produced by extensive crystal fractionation (~6070% fractional crystallization) from a high-temperature (~1450-1490 °C) silicate-metallic magma. The inferred composition of the precursor magma is best modeled as having formed by ≥30-50% silicate partial melting of a chondritic protolith. If this protolith was similar to an LL chondrite (as implied by O-isotopic data), then olivine must have separated from the partial melt, and a substantial amount (~53-56%) of FeO must have been reduced in the silicate magma. A model of simultaneous endogenic heating and collisional disruption appears best able to explain the data for Steinbach and other IVA meteorites. Impact disruption occurred while the parent body was substantially molten, causing liquids to separate from solids and oxygen-bearing gas to vent to space, leading to a molten metal-rich body that was smaller than the original parent body and that solidified from the outside in. This model can simultaneously explain the characteristics of both stony-iron and iron IVA meteorites, including the apparent correlation between metal composition and metallographic cooling rate observed for metal.

Gruss, Allende  :hut:

Offline herbraab

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #10 am: August 09, 2015, 12:20:29 nachm. »
Anbei dein Bild der 1343g Steinbach-Masse im NHM Wien.

:hut:
Herbert
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Offline ironsforever

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #11 am: August 09, 2015, 22:03:02 nachm. »
Hallo,

Steinbach ist wirklich feines Material. Hier meine kleine 2,0 g Scheibe, einmal mit Auflicht und einmal mit Durchlicht.

Gruß,
Andi
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Offline Allende

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #12 am: August 10, 2015, 17:11:21 nachm. »
Klasse, Andi

Im Durchlicht kannte ich das Hardware-Material noch nicht. Schöne Färbung der Silikatphase!  :wow:

Gruss, Allende

Offline Schönedingesammler

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #13 am: August 13, 2015, 15:27:58 nachm. »
http://www.jgr-apolda.eu/index.php?topic=3858.0


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Dsds

Offline ironsforever

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Re: Steinbach - ein alter Fund aus Ostdeutschland
« Antwort #14 am: August 13, 2015, 16:22:47 nachm. »
Zitat
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Whow!
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