Autor Thema: Jelica, Serbien (Fall: 1889)  (Gelesen 5236 mal)

Allende

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Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« am: Juli 22, 2015, 18:29:44 Nachmittag »
Die heissen Sommertage sind am Abklingen, dafür werden die Steine jetzt um so heisser...  :wow:

Hier noch ein schönes Stück aus meiner Treasure Box:

Name: Jelica
F.O.: Serbien
Klasse: Stein, LL6 Chondrit, brekziiert, enthält LL6 Fragmente in dunkler Matrix, melt rock clasts, Olivin Fa 31.3 mol%, Fetot 19.11%
Fall: 1. Dezember 1889
Gesamtgewicht: 34 kg (Schauer)
Sammlungsstück: Endstück (158.0g) mit viel Schmelzkruste und grosser anpolierter Fläche. Universitätstausch 1999. Beim Tausch wog das Stück 163g, hatte aber nur eine grob gesägte Fläche. Di Überarbeitung der Fläche hat sich trotz einem Gewichtsverlust von 5g gelohnt.

Beschreibung aus:
“Die Meteoritensammlung des k. k. naturhistorischen Hofmuseums am l. Mai 1895” (Dr. Aristides Brezina)

System der Meteoriten.

1. Steinmeteorite. Silicate überwiegend gegen die metallischen Theile.

A. Achondrite. Eisenarme Steine, im Wesentlichen ohne runde Chondren.

Ich halte es für nothwendig, zu sagen »im Wesentlichen ohne runde Chondren«. Foullon hat gezeigt,^) dass der Amphoterit von Manbhoom neben den polyedrischen Körnern als vereinzelte Ausnahmen auch runde Chondren führt. Cohen ist geneigt,^) aus demselben Grunde den Stein von Jelica zu den howarditischen Chondriten zu stellen. Ich möchte dem nicht beistimmen. Der ganze Habitus dieser beiden Steine ist von dem der howarditischen Chondrite verschieden, während sie untereinander die grösste Uebereinstimmung zeigen. Auch mit Bustit stimmen sie, die Färbung ab- gerechnet, also in der Structur überein. Den Namen der Classe acceptire ich nach Cohen's Vorschlag, da die früher von mir gewählte Bezeichnung Polyedrite nur auf 6 von den 11 Gruppen dieser Classe passt.

6. Amphoterit (Am). Bronzit mit Olivin.
Manbhoom 1863, Jelica 1889.
Ueber diese beiden Steine wurde bereits oben pag. 238 gesprochen. Jelica zeigt schon makroskopisch hie und da runde Chondren, obwohl ganz untergeordnet gegen- über den polyedrischen, während Manbhoom Chondren nur unter dem Mikroskop erkennen lässt. Von den howarditischen Chondriten unterscheiden sie sich durch das Fehlen des weissen, pulverigen, feldspathartigen Bestandtheiles und die sehr zerreibliche Beschaffenheit.

Dr. Aristides Brezina

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #1 am: Juli 22, 2015, 18:30:41 Nachmittag »
Jetzt mehrere Ansichten des 158g Endstückes

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #2 am: Juli 22, 2015, 18:31:22 Nachmittag »
Die Krustenseite

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #3 am: Juli 22, 2015, 18:32:25 Nachmittag »
Die Krustenseite, andere Ansicht

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #4 am: Juli 22, 2015, 18:33:10 Nachmittag »
Und die Seitenansicht

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #5 am: Juli 22, 2015, 18:35:30 Nachmittag »
Und hier ein kurz nach dem Fall hergestellter Dünnschliff aus der Werkstatt von Ivan Werlein, Paris

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #6 am: Juli 22, 2015, 18:36:59 Nachmittag »
Interessante Randbemerkung:

Ivan Werlein, aus dessen Werkstatt der Jelica-Dünnschliff offensichtlich stammt, ist ein brillianter russischer Instrumentenbauer (Mikroskope) gewesen und hat sich in Paris in den 1870er und 80er Jahren mit seinen Arbeiten über Polarisationsmikroskopie sehr verdient gemacht.

http://www.annales.org/archives/cofrhigeo/touret-2012.html

Spannend zu sehen finde ich, dass auf der Rückseite der alten Dünnschliff-Etiketten der Bezug zur von Ivan Werlein erlangten Médaille de Or (Goldmedaille) auf der Exposition universelle de 1878 (Weltausstellung 1878 in Paris/F) zu finden ist, obwohl die Jelica-Steine erst zwölf Jahre später (1889) vom Himmel fielen. Offensichtlich wurden die kleinen Blanco-Etiketten über Jahre, wohl seit der Weltausstellung 1878 oder kurz danach bis mindestens zum Jelica-Fall oder länger als früher Werbeträger benutzt.

Ein für mich unbezahlbarer Dünnschliff, auch wenn er heutigen Qualitätsmerkmalen nur eingeschränkt genügt.

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #7 am: Juli 22, 2015, 18:38:57 Nachmittag »
Eigene Beobachtungen:

Weder der alte Dünnschliff, noch die mit der Augenlupe abgesuchte anpolierte Fläche (60 x 55 mm) des Jelica Endstückes zeigen irgendwelche Chondren oder Chondrenrelikte. Die diversen grauschwarzen melt rock clasts in der anpolierten Fläche betragen max. 23 x 12 mm. Spärliche Metallflitterverteilung, vereinzelte Troiliteinschlüsse mit max. 2 x 1.5 mm. Die Metall- und Troilitverteilung sind die einzigen visuellen Merkmale, die einen Chondriten vermuten lassen. Das Gestein sieht ansonsten achondritisch aus.

Vielleicht kann ein anderes Forummitglied ein weiteres Jelica-Belegstück oder einen Jelica-Dünnschliff zum Vergleich vorzeigen?

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #8 am: Juli 22, 2015, 18:46:05 Nachmittag »
"Überglaste Chondre" auf der Krustenseite von dem Jelica-Endstück.

Der Begriff "überglaste Chondren" ist im Band 2 (1903) der Cohen-Bände auf den Seiten 105/106 erklärt. Jelica ist dort als Beispiel herangezogen.

Ich habe also das Jelica-Endstück genauer angeschaut und auch eine herrliche "überglaste Chondre" (Breite ca. 4 mm) am Aussenbereich gefunden. Ob es sich dabei um eine Chondre oder nur um einen angeschmolzenen (kantigen) Einschluss handelt, sei mal dahin gestellt.

Allende

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #9 am: Juli 22, 2015, 18:53:20 Nachmittag »
Interessant ist die Besitzerreihe des Stückes:

- Mineralienhändler Julius Böhm/Wien
- Immanuel Friedlaender mit Leihgabe an das Vulkan-Institut in Neapel
- Schenkung an eine europäische Universität. Der zugehörigen Dokumentation bin ich auf der Spur
- im Tausch an jnmczurich im 1999 abgegeben

Von dem Endstück muss irgendwo das Gegenstück mit spiegelbildlicher Schnittfläche existieren. Aber wo suchen...?

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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #10 am: Juli 22, 2015, 19:16:02 Nachmittag »
Die Metall- und Troilitverteilung sind die einzigen visuellen Merkmale, die einen Chondriten vermuten lassen. Das Gestein sieht ansonsten achondritisch aus.

Lässt man die FeNi-Flitterchen und den Troilit ausser Acht, würde man auf Anhieb erst mal auf einen Howarditen tippen!

Bernd  :winke:
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Re: Jelica, Serbien (Fall: 1889)
« Antwort #11 am: Juli 26, 2015, 23:35:01 Nachmittag »

Tolles Stück, Allende!  :super:

Die Metall- und Troilitverteilung sind die einzigen visuellen Merkmale, die einen Chondriten vermuten lassen. Das Gestein sieht ansonsten achondritisch aus.

Lässt man die FeNi-Flitterchen und den Troilit ausser Acht, würde man auf Anhieb erst mal auf einen Howarditen tippen!

Bernd  :winke:

Deshalb wurden die damals als "Amphoterite" bezeichneten LL-Chondrite ursprünglichnauch zu den Achondriten gezählt.  :belehr:
"Daß das Eisen vom Himmel gefallen sein soll, möge der der Naturgeschichte Unkundige glauben, [...] aber in unseren Zeiten wäre es unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu finden." (Abbé Andreas Xaverius Stütz, 1794)

 

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