Autor Thema: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt  (Gelesen 2258 mal)

Offline Riesgeologie

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Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« am: März 02, 2021, 14:44:30 Nachmittag »
Hallo zusammen,

heute habe ich einen Katalog von Peter Bierl Buch & Kunstantiquariat bekommen. Darin auf Seite 55: "Fulgur - S. sophia" und das Wichtigste: "Darstellung einer Unwetterkatastrophe am 12. Juli 1490"  Holzschnitt (Inkunabel!) aus der Schedelschen Weltchronik. Mehr brauche ich den Eingeweihten wohl nicht mehr verraten  :auslachl:
Nun es handelt sich um eine der frühesten beobachteten Darstellungen des Falles vom "Meteorit Ensisheim". Da ich schon so einen wunderschönen Druck habe (siehe www.noerdlinger-ries.de) möchte ich diesen hier Euch nicht vorenthalten:

https://www.bierl-antiquariat.de/ansichten-ausland/asien/istanbul-fulgur-s-sophia-darstellung-der-unwetterkatastrophe-am-12-juli-1490.html

Vielleicht findet der Druck ja einen würdigen Platz?

Viele Grüße

Oliver

 :einaugeblinzel:
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Offline Gibeon2010

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #1 am: März 02, 2021, 15:45:55 Nachmittag »
Auf dem Bild unten rechts sieht es aber so aus als würde ein Stein aus der Wolke ragen.
Viele Grüße
Jens

Offline Met1998

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #2 am: März 02, 2021, 16:12:24 Nachmittag »
- nicht erkannt?!  :nixweiss:
Um zu behaupten, dass die Damaligen das Ereignis nur als Unwetterkatastrophe erkannt haben,
müsste man mal den lateinischen Text übersetzen.
Ich kann zwar die Buchstaben aber nicht den Text lesen.  :weissefahne:

Ich sehe da wie Jens, ebenfalls glasklar einen Stein fallen! :gruebel:
(Hier lesen ja nicht nur Met-Sammler mit)

Gruß der „Steinfried“
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Offline hugojun

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #3 am: März 02, 2021, 16:44:58 Nachmittag »
Hallo Jens und Steinfried ,
es ist ein Zeitungsblatt aus alten Zeiten mit 2 Berichten zweier unterschiedlicher Ereignisse, das Unwetter und der Meteoritenfall.
LG
Jürgen

Offline Mettmann

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #4 am: März 02, 2021, 17:45:49 Nachmittag »
Iwo Jürgen,

das ist Blatt 257 aus der berühmten Schedelschen Weltchronik von 1493,
der am Üppigsten mit Holzschnitten (Wolgemuth, Pleydenwurff, und der junge Dürer hat auch mitgewirkt, da das Holzschneiden gelernt) ausgestatteten Inkunabel überhaupt.
Wer das gelahrte Latein nicht kann, für den gabs die Chronik auch auf deutsch, im selben Jahr erschienen (es gab jeweils nur eine Ausgabe).
Dem Enkel von Schedel stand der Sinn eher nach dem süßen Leben und hatte Opis für damalige Verhältnisse riesige Bibliothek von Hunderten Werken an die Fugger verhökert, dies dann dem Herzog Albrecht V. von Bayern weiterverkauft,
weswegen Hartmann Schedels höchsteigenes Exemplar sich heut noch in der bayer. Staatsbibliothek befindet und hier digitalisiert zu bestaunen ist:

https://daten.digitale-sammlungen.de/0003/bsb00034024/images/index.html?fip=193.174.98.30&id=00034024&seite=1

Man gebe 257 in das kleine Feld ein, wo "VD" drinsteht - et voilá.

Der Text in der deutschen Ausgabe lautet:

"Als hievor an manchen enden von vil und mancherlay seltsamen dingen die sich am himmel ereugt haben gemeldt worden ist und
sundlich daz ein stayn mit eim creutz gezaichnet zu den zeiten kaiser Friderichs des andern von oben herab gefallen sey.
also ist zu zu den zeiten kaiser Friderichs des dritten in dem iar cristi M.cccc.xcii. am vii: tag des monats novembris in mytten tag
ein großer stayn bey eim zentner schwer. ein wenig kleiner dann ein saltzscheyb. gestalt wie ein kriechisch D. und dreyegket von oben
herab auß den lüften bey Ensißheim in dem Suntgew nider gefallen unnd zur anzaigung seltsamer geschichten noch vorhanden.
"


Daß nun der Antiquar sich nicht genauer über den Stein von Ensisheim kundig gemacht, sondern von einem Unwetter spricht,
liegt schlicht daran, daß zum einen der Kostantinopelholzschnitt die Hauptsache an dem Blatt ist,
zum andern, daß sich kein normaler Mensch, außer uns, für Meteorite so eingehend interessiert, daß ihm/ihr der erzhistorischste Fall von Ensisheim ein Begriff wäre.

Nuju, der Preis ist kein Schnäppchen aber ganz o.k.
ich hab die Seite nicht (die letzte hatte mit der Hörb im ebay weggeschnappt),
ich wart auf eine kolorierte Version und würd dafür, aber nuuuur als reiner Mettliebhaber, auf bis zu 500$ gehen.

(Derweil bin ich mit diesem Blatt aus der Chronik höchst glücklich,..moment...protziprahl..)

 :prostbier:
Mettmann

warum ist das jetzt quer, immer diese neuen Aparillen..
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Offline speul

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #5 am: März 02, 2021, 17:55:04 Nachmittag »
ja so ein Schedeldruck gehört schon in jeden Haushalt,
ich hab den hier: Da gibts mehr Steine fürs Geld ;)
speul
Lächle einfach - denn du kannst sie nicht alle töten

Offline Mettmann

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #6 am: März 02, 2021, 18:16:55 Nachmittag »
Potztausend, beim Hlg Paulus!

Wieviel Krötel der wohl gekost...

Ich les grad:
1 Krötel = 9 Fuder = 7 1/2 Metzen = 277,5 Pfund.
und daß
1 Krötel = 3 Scheiben, später 3 1/2 und dann 4 Scheiben.

Wobei die Saltzscheyb in Reichenhall 162 Pfund gewogen habe.
 :gruebel:
Wikipedia is doof. 
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Offline hugojun

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #7 am: März 02, 2021, 19:06:19 Nachmittag »
Hallo Mettmann,

"iwo-das ist Blatt 257 aus der berühmten Schedelschen Weltchronik von 1493,"

Berühmt , damals hat wohl kaum jemand gelesen.

ich glaube es geht dem Verkäufer um den Text in der oberen Blatthälfte und da steht irgendetwas aus dem Jahr 1490?
 Vielleicht hast Du auch eine Übersetzung dafür.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Istanbul_during_the_great_storm_of_July_1490_(upper_half_of_the_illustration).jpg

Ensisheim dann 1492 darunter. Aber vielleicht kann Oliver die Überschrift „… nicht erkannt „mal näher kommentieren.
LG
Jürgen
« Letzte Änderung: März 02, 2021, 19:29:18 Nachmittag von hugojun »

Offline Met1998

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #8 am: März 02, 2021, 19:52:51 Nachmittag »
Hallo Jürgen,
Zitat von: hugojun
Aber vielleicht kann Oliver die Überschrift „… -nicht erkannt „mal näher kommentieren."
Genau, das ist das Problem! :super:, :pro:
Ich dachte schon, dass heute beim Frisör, mein Verstand mit flöten ging.  :gruebel:
Meiner Meinung nach haben die es doch erkannt!  :nixweiss:

LG Ehrfried  :winke:
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Offline Thin Section

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #9 am: März 02, 2021, 19:58:26 Nachmittag »
Der Text in der deutschen Ausgabe lautet:

"Als hievor an manchen enden von vil und mancherlay seltsamen dingen die sich am himmel ereugt haben gemeldt worden ist und
sundlich daz ein stayn mit eim creutz gezaichnet zu den zeiten kaiser Friderichs des andern von oben herab gefallen sey.
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herab auß den lüften bey Ensißheim in dem Suntgew nider gefallen unnd zur anzaigung seltsamer geschichten noch vorhanden.

... und hier Blatt 257 mit dem deutschen Text!


Bernd  :winke:
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Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind. (Bertrand Russell, britischer Philosoph und Mathematiker).

Offline Mettmann

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #10 am: März 02, 2021, 20:26:44 Nachmittag »
Hatte mein Latein nicht epoxiert, steht, daß es in Konstantinopel ein saubers Donnerlittchen..
...aber bevor ich was Falsches übersetz, geh ich kurz spicken:

"Nach der gepurt Cristi unsers haylands M.cccc.xc. iar am xii. tag des monats Julii kome in der königelichen
statt Constantinopel ein grosses vormals ungehörts ungewitter. unnd als sich das fewr der öbern dreyer gestirne
(das man den fallenden fewrstral nennt) in vermischung der feuchtigkeit und der hitze beweget und die
versammelt feuchtigkeit in dem trüben luft uberhannd genommen het. und der wind oder tunst sich in dem gewülcke
arbaytet do warden erstlich große thonrslege gehört und darnach prinnend wetterplitzen mit langen fewrstraln gesehen.
und wiewol die unglawbigen maynten das sölchs von dem gestirne des planeten Saturni herköme
(als dann ettwen in tuscia ein reiche statt von dem gestirne des planeten martis mit den plitzen gantz verprennt ward)
yedoch schreiben die cristen solchs der götlichen fürsichtigkeit und rachsale zu. dann der thonrslag plitzen und ungestüme wetter
hat nicht allain ein einen teil der sewln des pilds des kaiser Constantini ernider geworffen: sunder auch (als dann glaubwurdig
Venedigisch und andere kawflewt gesagt haben) bey achthundert hewßern verprennt. und bey dreytawsent menschen
ertödt in einem zirckel. wie dann die hernachgesetzt figur zeergennen gibt."


Also Unwetter am 12.Juli 1490 über Konstantinopel, 3000 Tote, 800 Häuser abgebrannt, Konstantinssäule beschädigt.
Nach Meinung der Ungläubigen meteorologische Ursach, nach Christensicht göttliche Rache (für den Fall Konstantinopels und Byzanzens 1453, denk ich).

 :prostbier:
« Letzte Änderung: März 02, 2021, 21:10:01 Nachmittag von Mettmann »
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Offline Mettmann

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #11 am: März 02, 2021, 20:30:00 Nachmittag »
Zitat
... und hier Blatt 257 mit dem deutschen Text!

..und wie wir in Schedels persönlichem Exemplar sehen, im originalen Kolorit.
(nur in der rechten Häuserzeile die Dächer eben andersherum abwechseln ausgemalen)

 :lechz:
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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #12 am: März 02, 2021, 20:51:26 Nachmittag »
... und hier Blatt 257 mit dem deutschen Text!

Hallo Bernd,

hast du einen Link, wo man die deutsche Version in höherer Auflösung findet? Oder wo hast du den her?
Viele Grüße
Jens

Offline Riesgeologie

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #13 am: März 02, 2021, 21:03:57 Nachmittag »
Hallo zusammen,

die lateinische Ausgabe habe ich auf meiner Webseite hoch aufgelöst rein gestellt. Leider ist mein Latein nicht gut. Da kommt so eine kolorierte deutschsprachige Ausgabe schon schön rüber  :smile:
Übrigens: Das "nicht erkannt" war natürlich auf den Buchhändler bezogen!
Und lieber speul:
Was ist das für ein wunderbares Blatt. Kennst Du den Titel. Und so phantastisch koloriert! Phantastisch  :lechz:

Viele Grüße

Oliver
 :hut:
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Offline Mettmann

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Re: Meteorit Ensisheim - nicht erkannt
« Antwort #14 am: März 02, 2021, 21:05:38 Nachmittag »
Zitat
Berühmt , damals hat wohl kaum jemand gelesen.

Ja das schon,
berühmt ist sie, weils keine Inkunabel (i.e. alles gedruckte bis 1500) gibt, die derart verschwenderisch ausgestattet ist.

Damals war sie, Rechnungen, Verkaufszahlen ect sind erhalten, für Schedel et al. ein kewfmannischer Mißerfolg. Lag wie Blei.
War ja auch immens kostspielig.
Die antiken und andere Geschichtsschreiber waren da schon gedruckt, in Italien ein bisserl früher, weil da die Rennaissance früher eingesetzt hatte.
Aber das Neue an der Schedelchronik war, eine Universalgeschichte einerseits und vor allem ein sinnliches Erlebnis, ein Bilderbuch daraus zu machen
und das ganze sogar zusätzlich noch in einer volkssprachlichen Ausgabe.

Und dieses ideengeschichtliche Prinzip ist bereits damals voll eingeschlagen,
gab dann sogleich eine endlose Reihe an weniger schönen, kleinformatigeren und wesentlich billigeren Plagiate.
Bzw. ähnliche Formen, wie bebilderte Bibeln oder z.B. die ganzen Cosmographien, also die Weltbeschreibungen und Darstellungen des gesamten Wissens, wie sie bis ins 18.Jhdt populär waren, die Enzylopädien der Humanisten und die eben genauso auf die Schauwerte setzten, wie's ihnen Schedel&friends vorgemacht hatten.

Die Rückansicht des Blattes 257 ist weniger schön, zeigt eine Judenverbrennung in Sternberg mit antisemitischem Text.
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