Autor Thema: NWA 2336  (Gelesen 10146 mal)

Thin Section

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Re: NWA 2336
« Antwort #30 am: März 29, 2009, 20:40:46 Nachmittag »
Hallo Ben und Forum,

Ben, ist Dir schon die hohe Anzahl an sg. bleached chondrules (a.k.a. bull's eye chondrules) bei Deinem Scheibchen vom NWA 2336 aufgefallen? Ich erkenne auf Anhieb locker 5 solcher Chondren. Auf dem Mutterkörper muß also Wasser auf diese Chondren eingewirkt haben!

Mit bulläugigem Gruß*,

Bernd  :winke:


* Gar nicht so weit von der Realität entfernt, denn ich bin im Sternbild Stier geboren  :laughing:

Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #31 am: März 29, 2009, 23:16:37 Nachmittag »
Hallo Bernd.

Ja, da sind einige davon drin. Da war wohl durchauf Wasser mit im Spiel.

Mit wässrigem Gruß*,

Ben  :winke:


* Gar nicht so weit von der Realität entfernt, denn ich bin im Sternbild Wassermann geboren  :einaugeblinzel:

Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #32 am: März 29, 2009, 23:24:21 Nachmittag »
Achja, ich glaube meine Aussage von vorhin konnte man missverstehen:
Ich hab zwar nicht vor nochmal ein Mineralogie-Studium anzufangen, aber ich denke das passt schon.
Ich bin kein Mineraloge. Ich hab was anderes studiert. Damit war gemeint: "Ich habe nicht vor in meinem Alter noch damit anzufangen"

Gruß
der unmineralogische Ben

Thin Section

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Re: NWA 2336
« Antwort #33 am: Juni 15, 2009, 20:29:52 Nachmittag »
Hallo Ben und Forum,

In dem anderen thread schriebst Du heute: "Der Lieblingsfrischling in meiner Sammlung ist aber der ungruppierte NWA 2336,
den ich vor kurzem von Gregor Pacer ergattert habe: http://www.aranemac.de/mets/pics/C-NW2336-A1.jpg".

In diesem thread => NWA 2336 wies ich ja weiter oben bereits darauf hin, daß in Deinem Scheibchen vom NWA 2336 etliche schöne, "gebleichte Chondren" vorhanden sind. In meinem 3.062 Gramm Ragland Scheibchen ist im Bild im unteren Bereich auch eine solche Chondre zu sehen. Ich habe sie mal bei 32-facher Vergrößerung abgelichtet (siehe Bild). Sie ist kryptokristallin, also unter dem Mikroskop nicht mehr aufzulösen und auf der rechten Seite ein wenig angeknabbert.  :laughing:

Laut einem Artikel* von Jeff Grossman et al. in MAPS floss das Wasser das zur "Randzonenbleichung" führte, auf dem Mutterkörper wahrscheinlich durch die feinkörnige Chondrenmatrix und führte so dazu, daß bei Radialpyroxenchondren und kryptokristallinen Chondren (jedoch nicht bei porphyritischen Chondren!) diese chemische Veränderung stattfand.

Ferner stellten diese Autoren fest, daß bleached chondrules am häufigsten bei den L- und den LL-Chondriten vorkommen, daß sie in H-Chondriten weniger häufig zu finden sind und in E-Chondriten überhaupt nicht vorhanden sind.

Warum in E-Chondriten nicht? Hmm,   :gruebel: ... offenbar enstanden E-Chondrite in einem "wasserfreien" Bereich, auf dem Mutterkörper also kein freies Wasser, ... das könnte wiederum bedeuten, näher an der Sonne als andere Chondrite. Na ja, da lässt sich noch viel dazu sagen, bzw. spekulieren!

*GROSSMAN J.N. et al. (2000) Bleached chondrules: Evidence for widespread aqueous processes on the parent asteroids of ordinary chondrites (MAPS 35-3, 2000, p. 467-486).

Viel Spaß beim Betrachten meiner
gebleichten Ragland Chondre,

Bernd  :winke:

Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #34 am: Juni 15, 2009, 21:27:54 Nachmittag »
Hallo Bernd und Forum.

Schöne Chondre!

Ja, der NWA 2336 ruft geradezu nach dem Mikroskop. Sobald ich wieder mehr Zeit habe (In exakt vier Wochen  :smile:), werde ich mir den mal vornehmen.

Sehr interessant für mich ist dein Hinweis zu Randzonenbleichung!
Ich hatte ja in diesem Thread: http://www.jgr-apolda.eu/index.php?topic=3222.105 (ab Antwort #111) schon mal Chondren aus meinen NWA 3161 LL3.5 vorgestellt (auch ein netter W1 Geselle). Hier mal zwei davon:
http://www.aranemac.de/mets/chondrules/nwa%203161%20ch1.jpg
http://www.aranemac.de/mets/chondrules/nwa%203161%20ch2.jpg

Meine Frage war damals:
In meinem neuen NWA 3161 hab ich zunächst eine Bullseye-Chondre entdeckt.
Als ich dann mal näher rangezoomt bin, hab ich gesehen, dass es eine Radial-Chondre ist.
Also wohl eine Bull's-Eyed-Radial-Pyroxen-Chondrule
So wie ich das verstanden habe, sind die radialen Linien feine Enstatitstreifen.
Woher kommt aber der weiß verfärbte Rand?
Ganz außen ist ja dann auch noch ein weiterer, etwas dunklerer Rand zu sehen.

Die mögliche Erklärung "Wassereinwirkung" hatten wir damals als unwahrscheinlich verworfen. Na, sieht ja so aus als wäre das etwas voreilig gewesen! Dein Zitat von eben:

Laut einem Artikel* von Jeff Grossman et al. in MAPS floss das Wasser das zur "Randzonenbleichung" führte, auf dem Mutterkörper wahrscheinlich durch die feinkörnige Chondrenmatrix und führte so dazu, daß bei Radialpyroxenchondren und kryptokristallinen Chondren (jedoch nicht bei porphyritischen Chondren!) diese chemische Veränderung stattfand.


Prima! wieder ein Stück schlauer!  :smile:
(Jetzt stellt sich mir noch die Frage, welche chemische Veränderung. Mal das zitierte Paper runterladen gehe... :einaugeblinzel:)

Gruß
Ben

EDIT: Ahrrgg.... Die MAPS gibt's ja erst ab 2002 online...  :bid:

Thin Section

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Re: NWA 2336
« Antwort #35 am: Juni 15, 2009, 21:38:20 Nachmittag »
Hallo Ben und Forum,

Originalton Jeff Grossman et al. (p. 471):

"In many chondrules, the bleached zones are surrounded by outer zones that resemble the cores of the chondrules, but in which pyroxene is coarser grained ... these outer zones are probably the same features that have been described informally as 'quenched margins' around some chondrules."

Bernd

Thin Section

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Re: NWA 2336
« Antwort #36 am: Juni 15, 2009, 21:46:41 Nachmittag »
Noch einmal Originalton:

"During aqueous alteration, interstitial glass dissolved and was partially replaced by phyllosilicates, troilite was altered to pentlandite, but pyroxene was completely unaffected" (abstract, p. 467).

Bernd  :winke:

Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #37 am: Juni 16, 2009, 19:17:57 Nachmittag »
Hallo Bernd.

Danke für die Zitate!  :super:
Aber irgendwie bin ich jetzt leicht irritiert.  :confused:
Ich dachte bisher, dass RP-Chondren nur aus Pyroxen bestehen.
Tun sie wohl nicht. Denn ansonsten ginge das für mich nicht zusammen:

Laut einem Artikel von Jeff Grossman et al. in MAPS floss das Wasser das zur "Randzonenbleichung" führte, auf dem Mutterkörper wahrscheinlich durch die feinkörnige Chondrenmatrix und führte so dazu, daß bei Radialpyroxenchondren und kryptokristallinen Chondren (jedoch nicht bei porphyritischen Chondren!) diese chemische Veränderung stattfand.

"During aqueous alteration, interstitial glass dissolved and was partially replaced by phyllosilicates, troilite was altered to pentlandite, but pyroxene was completely unaffected" (abstract, p. 467).

Gruß
Ben

Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #38 am: Juni 21, 2009, 16:49:58 Nachmittag »
Hallo

Ich hab mir den Artikel jetzt mal besorgt.

"The core of the chondrules is composed of elongates low-Ca poyroxene crystals with intersitial glass. The pyroxene continues into the bleached zone; however, most of the glass has been removed (...)." p.471

Passt also alles zusammen.   :super:

Gruß
Ben

Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #39 am: Oktober 23, 2009, 09:37:16 Vormittag »
Hallo  :winke:

Ich habe mal für Sauerstoffisotope der drei hier betrachteten ungruppierten Mets ein Diagramm erstellt.
Die drei (NWA 2336, NWA 960, HaH 180) scheinen diesbezüglich tatsächlich eine neue Gruppe zu bilden.

Ist vielleicht interessant für die, die ein Stück von einem dieser Mets haben.

ungruppierte Grüße
Ben
« Letzte Änderung: Dezember 24, 2010, 22:52:18 Nachmittag von MetGold »

Offline rbartoschewitz

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Re: NWA 2336
« Antwort #40 am: Oktober 25, 2009, 12:15:12 Nachmittag »
In Nancy habe ich mit den Verantwortlichen des NomCom die unbefriedigende Situation bei der Akzeptanz von Neuanmeldungen, speziell der NWAs, diskutiert und es ist glücklicherweise Bewegung in die Geschichte gekommen! Einer der lange eingereichten Meteorite ist NWA 2336, einer von 6 weiteren „supra TFL“ Chondriten (http://www.lpi.usra.edu/meetings/lpsc2007/pdf/2230.pdf), der darüber hinaus noch stärker reduziert ist als die H Chondrite.

Das Problem bei der Anmeldung ist, dass anomale Typangaben anscheinend nicht mehr akzeptiert werden, so dass ich diese Meteorite unabhängig von ihrer Anomalität mit der am ehest passenden „Grundklassifikation“ tabellarisch einreichen musste und unter Bemerkung halt die anomalen O-Isotope angegeben habe. Nachdem die Meteorite dann offizialisiert wurden, werde ich einen Abstract fürs LPSC oder MetSoc Meeting schreiben, in Anlehnung an den Abstract von Rumble et al.

NWA 2336 habe ich nun als H3.10 angemeldet und in einem separaten Abstract werde ich seine Anomalität aufzeigen und eine neue Chondriten-Gruppe vorschlagen. Ich vermute, dass NWA 2336 mit HaH 180 gepairt ist.

Gruss,

Rainer

Offline Mettmann

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Re: NWA 2336
« Antwort #41 am: Oktober 25, 2009, 13:09:29 Nachmittag »
Ich tät meinen, daß das alles nur eine Frage der Zeit ist.

Die Klassen sind ja nicht normativ, keine zehn Gebote, in die alle Meteorite hineingezwängt werden müssen,
sondern die Klassenpalette ändert sich mit neuen Funden, was halt so aussem Asteroidengürtel neues auf den Tisch kommt.
(Drum ists ja auch wissschftl. so ungeheuer wichtig, daß neue Funde getätigt werden und wir nicht zurückfallen, tatsächlich nur noch den Allende zum Tausendsten Mal Durchzunudeln).
Daß das Zeit braucht und mit Verzögerungen geschieht, versteht sich von selbst.
Und daß man nicht gleich, mit ein, zwei neuen Steinchen ein neues Faß aufmachen will, auch.

Guxx, z.B. die Monde, da gabs ja am Anfang auch nur LUN-A für die Feldspatbrekzien und LUN-B für die Basalte
und mittlerweile haben wir eine ganze Palette.
Oder bei den Eisen, die IIG - und daraus halt so eine kleine Regel, daß man 5 unterschiedliche Funde gleichartiger Mets braucht, um eine neue Klasse zu konstituieren.
Mei vorher warens wohl eher 3, wenn ich an die K-Chondrite denk.
Uuund, es braucht natürlich auch eine entsprechende Unterfütterung mit Analysen und Papers, daß sich eine neue Klasse etablieren und durchsetzen kann.
Bis dahin ists ja hilfsweise ausreichend, die entsprechenden Einzelmeteorite, habwegs nach den gängigen Kriterien in die Schubladen zu quetschen, in die sie noch am Besten passen - und sie eben mit einem "ungrouped" oder einem "anomalous" zu garnieren.
Sicherlich für den Steinhalter oder den Klassifikateur mag das zunächst unbefriedigend sein, aber im Grunde läuft eine spätere Revision nicht weg. 

(Na klar und fürn Händler ists verkaufstechnisch natürlich auch nicht schön, daß seiner aussergewöhnliche Trouvallie nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird, weils eben eine gängige Typenbezeichnung hat, sodaß nur die Spezialisten unter den Forschern und Sammlern, die Neuigkeit erkennen. Aber daran gewöhnt man sich, wir und zuvor der Stefan haben ja reihenweise solchgelageter abweichender Gesellen über die Jahre erwischt, die letztendlich unter normalen Klassen einsortiert worden sind.)

Aktueller Komplex wären zum Bsp. die Märse, da hat man ja z.B. auch den Wehrlit in die Shergottite reingequetscht, obwohl er natürlich kein Shergottit ist - ähnliches kann mit dem NWA 5789 zunächst passieren, obwohl der eine völlig neue Sorte ist. Da kriegt man schon länger nicht mehr alle unter die Hüte des starren SNC-Systems und es wird an einem neuen, diferenzierteren Klassensystem für die Märse ja schon gearbeitet - aber das dauert halt dann seine Zeit, bis es dann etabliert sein wird und vom NomCom übernommen.
(Wie dann unsere neuster Coup heißen wird, wer weiß!)

 :prostbier:
Mettmann
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Offline ben.g

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Re: NWA 2336
« Antwort #42 am: Oktober 25, 2009, 13:11:22 Nachmittag »
Hallo Rainer.

Ah! Da kommt ja Bewegung in die Sache. Vielen Dank für deine diesbezüglichen Bemühungen!
Danke auch für das verlinkte Paper und die Infos.

Falls du in Zukunft weiter Informationen zu der Entwicklung hast, teile sie uns doch bitte hier mit. Das würde mich sehr interessieren.

Viele Grüße
Ben

Thin Section

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Re: NWA 2336
« Antwort #43 am: Oktober 25, 2009, 23:05:56 Nachmittag »
Hallo Ben, Rainer und Forum,

Bringe auch mal etwas "Bewegung" in diese Sache. Habe mal meinen eigenen oxygen isotope plot per Powerpoint erstellt und man erkennt recht schön, daß z.B. HaH 180 eine Affinität zu den LL Chondriten zeigt, was ja auch in der Literatur* so beschrieben wird.

Ähnlich sieht es bei NWA 960 (OC3) aus, der zwar näher bei den H Chondriten liegt aber einen wesentlich höheren δ18O-Wert als H Chondrite hat und daher ist im MetBull. zu lesen:

The δ18O values are much higher and the mineral composition suggests this specimen is very different from H chondrites.

Und jetzt dürfen wir natürlich auf die Ergebnisse zum NWA 2336 gespannt sein, denn der liegt im Diagramm zwischen dem NWA 960 und dem HaH 180, hat wie diese einen viel höheren δ18O-Wert als die H Chondrite und letztendlich liegen sie alle drei in etwa im Bereich der LL Chondrite … aber leider eben nur schaubildmäßig. Denn zieht man z.B. die mineralogische Beschaffenheit von HaH 180 in Betracht, gibt es sofort Probleme: während man solche Sauerstoffwerte wie bei HaH 180 bei den E Chondriten kennt, passen die Fe-reichen Pyroxene und der reichlich vorhandene Olivin von HaH 180 überhaupt nicht zu den E Chondriten.  :gruebel:


* BISCHOFF A. et al. (1997) Hammadah Al Hamra 180: A unique unequilibrated chondrite with affinity to LL-group ordinary chondrites (Meteoritics 32-4, 1997, A014).


Herzliche Grüße,

Bernd  :winke:

P.S.: Interessant ist auch die Beobachtung, daß diese drei "anormalen" Chondrite quasi auf einer "extension line" mit gleichem "slope" zu den H Chondriten liegen, zumindest bei diesem Maßstab des Diagramms, während z.B. die C Chondriten eine andere Steigung haben und die R Chondrite ganz aus der Reihe zu fallen scheinen!
« Letzte Änderung: Oktober 25, 2009, 23:37:45 Nachmittag von Thin Section »

Thin Section

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Re: NWA 2336
« Antwort #44 am: Oktober 27, 2009, 20:09:48 Nachmittag »
Interessant ist auch die Beobachtung, daß diese drei "anormalen" Chondrite quasi auf einer "extension line" mit gleichem "slope" zu den H Chondriten liegen

Aber mit dieser extension line, dieser Verlängerung der Steigungsgeraden durch die H Chondrite ist es auch gleich vorbei, wenn man den relevanten Bereich näher heranholt. Die Gerade durch die drei anormalen Chondrite hat eine andere Steigung! Tja, ... :traurig: Die Affinität zu den LL Chondriten ist jedoch noch gut zu erkennen!  :smile:

Bernd :weissefahne:

 

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