Autor Thema: unklass. NWA  (Gelesen 26467 mal)

Offline Thin Section

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Re: unklass. NWA
« Antwort #30 am: Januar 29, 2011, 22:40:31 Nachmittag »
So, da bin ich wieder! Und nun meine eigenen Vermutungen zu diesem unklassifizierten, cherry picked, 52 gr (40.5 + 11.5 gr) NWA Chondriten. Ich glaube, es handelt sich um einen LL5 oder sogar einen LL6, obwohl man recht viele Chondren erkennen kann. Aber: die Chondrenränder sind nicht mehr scharf von der Matrix abgegrenzt, die Plagioklaskristalle sind gut ausgebildet und relativ großkörnig, die Matrix ist rekristallisiert.

Er ähnelt ein wenig Hannos NWA 4021 (LL6), von dem ich ein herrliches 258.3 gr Individual + ein geschnittenes Scheibchen von 8.25 gr besitze – allerdings ist NWA 4021 frischer! Auch Ben Guérir (LL6) käme auf den ersten Blick in Frage – aber nur auf den ersten Blick, denn unter dem Mikroskop erkennt man sofort, daß dieser noch wesentlich mehr Plagioklas aufzuweisen hat und seine Schmelzkruste natürlich wesentlich frischer ist.

Sollte es ein LL5 sein, käme NWA 3125 als Vergleich in Frage aber letzterer hat weniger sichtbares FeNi, die Kruste hat einen etwas anderen Farbton und die Kruste ist dicker ausgebildet als bei dem NNN28. Dann fiele mir noch der NWA 1584 (LL5) ein. Bei dem sind aber massivere Troilitaggregate zu erkennen, die Kruste ist frischer und zeigt Kontraktionsrisse.

Als Schockstufe würde ich wohl auch etwa S1 oder S2, vielleicht dazwischen S1-2 ansetzen und der Verwitterungsgrad dürfte bei W1-2 oder W2 liegen.

Die Chondre scheint im inneren Bereich eine Balkenchondre zu sein – eingelagert sind einige, größere, dunkle Pyroxenkristalle und das Ganze wird umgürtet oder ummantelt von einem dicken Rand aus unzähligen kleinen und kleinsten Pyroxen- und Olivinkriställchen.

Herzliche Grüße,

Bernd  :winke:

P.S.: Ja, die BO-Struktur lässt sich nur unter dem Mikroskop und da auch nur schwer aus einem bestimmten Blickwinkel erkennen.

P.S.S.: Ja, Dirk, porphyritisch ist diese Chondre auf alle Fälle. Ob das wirklich BO Balken sind oder vielleicht Riefen, die beim Sägen entstanden sind ...? Da müsste jetzt ein Dünnschliff her. Im x-pol. Licht wäre dann schnell klar, was da wirklich los ist.
« Letzte Änderung: Januar 29, 2011, 23:12:58 Nachmittag von Thin Section »
(247553) Berndpauli = 2002 RV234

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Offline Thin Section

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Re: unklass. NWA
« Antwort #31 am: Januar 29, 2011, 23:46:04 Nachmittag »
Hier mal ein Bild von einem sehr schönen Stück NWA 869. Leider ist es nicht in meiner Sammlung ....  :crying:

... und hier eine 241 gr Scheibe vom NWA 904, den Martin Horejsi wegen seiner vielen chondritischen und achondritischen Einschlüsse dereinst als "Meteorite Collection in a slice" bezeichnete. Gottseidank ist diese Scheibe in meiner Sammlung!

Herzliche Grüße aus dem -4°C kalten Ketsch
und die Temperaturen sinken weiter,

Bernd  :hut:
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Offline Thin Section

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Re: unklass. NWA
« Antwort #32 am: Januar 30, 2011, 00:43:15 Vormittag »
Diese "Meteorite Collection in a slice" Scheibe vom NWA 904 (L5) ist so schön, daß ich eben mal noch unbedingt eine neue Aufnahme davon machen musste und die digitale Kamera ist immer noch meine inzwischen wohl "uralte" Traveller DC-5300 von ALDI …

Bernd  :hut:
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Offline boborit

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Re: unklass. NWA
« Antwort #33 am: Januar 30, 2011, 10:42:28 Vormittag »
Dann können zumindest einige Chondriten also auch durchaus als eine Art Regolith angesehen werden?

Ja, viele Chondrite kommen auch aus den Regolithschichten, die die größeren Asteroiden bedecken. Dort sind dann viele Brocken von ganz unterschiedlichen Mutterkörpern versammelt. Und wenn es dann zu einem größeren Impakt kommt, also ein größerer Stein semmelt da ungebremst rein, dann kommt es immer wieder zu Aufschmelzungen und Erstarrungen, so dass die einzelnen losen Brocken auch zusammen backen können. Der bekannte NWA 869 ist so eine Regolithbrekzie, in der man die unterschiedlichsten Einschlüsse finden kann: z.B. verschiedene kohlige Klassen und sogar achondritische Klasten.

Hast Du eigentlich schon das Buch: "Field Guide to Meteors and Meteorites!?  Das ist wirklich klasse und sehr empfehlenswert - da gibts auf fast alle Fragen gute Antworten.
http://www.amazon.de/Meteors-Meteorites-Patrick-Practical-Astronomy/dp/1848001568

Hier mal ein Bild von einem sehr schönen Stück NWA 869. Leider ist es nicht in meiner Sammlung ....  :crying:




Hallo Dirk, :hut:
ja, das leuchtet alles ein :belehr:.
Warum sollte die Entwicklung eines gewöhnlichen Chondriten auch grundsätzlich anders ablaufen als bei z. B. einem HED. Außer das natürlich die Differenzierung nicht vorhanden ist.
Anders ist es dann aber doch bei den z.B. CV-Chondriten. Diese wurden in der Regel nicht von Impakten durchmischt, dadurch nicht permanent erhitzt und neu verbacken. Was ein Hinweis darauf wäre, das dieses Material von Kometen stammt!?
Liegt da Wahrheit in meiner Vermutung?  :nixweiss:

Danke und Gruß - Michael  :winke:
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Offline boborit

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Re: unklass. NWA
« Antwort #34 am: Januar 30, 2011, 10:46:07 Vormittag »
Zitat von Dirk:
"Hast Du eigentlich schon das Buch: "Field Guide to Meteors and Meteorites!?  Das ist wirklich klasse und sehr empfehlenswert - da gibts auf fast alle Fragen gute Antworten.
http://www.amazon.de/Meteors-Meteorites-Patrick-Practical-Astronomy/dp/1848001568"

Hallo Dirk, danke für den Buchtipp, habe es soeben bei Amazon bestellt!! :super:

Grüße - Michael
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Offline boborit

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Re: unklass. NWA
« Antwort #35 am: Januar 30, 2011, 10:49:34 Vormittag »
Diese "Meteorite Collection in a slice" Scheibe vom NWA 904 (L5) ist so schön, daß ich eben mal noch unbedingt eine neue Aufnahme davon machen musste und die digitale Kamera ist immer noch meine inzwischen wohl "uralte" Traveller DC-5300 von ALDI …

Bernd  :hut:


Hallo Bernd,
als Impaktit-Sammler erweckt diese Scheibe natürlich auch Begehrlichkeiten in mir :lechz:
Schönes Stück - gratuliere - Michael  :winke:
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Offline Dirk

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Re: unklass. NWA
« Antwort #36 am: Januar 30, 2011, 12:29:17 Nachmittag »
Dann können zumindest einige Chondriten also auch durchaus als eine Art Regolith angesehen werden?

Ja, viele Chondrite kommen auch aus den Regolithschichten, die die größeren Asteroiden bedecken. Dort sind dann viele Brocken von ganz unterschiedlichen Mutterkörpern versammelt. Und wenn es dann zu einem größeren Impakt kommt, also ein größerer Stein semmelt da ungebremst rein, dann kommt es immer wieder zu Aufschmelzungen und Erstarrungen, so dass die einzelnen losen Brocken auch zusammen backen können. Der bekannte NWA 869 ist so eine Regolithbrekzie, in der man die unterschiedlichsten Einschlüsse finden kann: z.B. verschiedene kohlige Klassen und sogar achondritische Klasten.

Hast Du eigentlich schon das Buch: "Field Guide to Meteors and Meteorites!?  Das ist wirklich klasse und sehr empfehlenswert - da gibts auf fast alle Fragen gute Antworten.
http://www.amazon.de/Meteors-Meteorites-Patrick-Practical-Astronomy/dp/1848001568

Hier mal ein Bild von einem sehr schönen Stück NWA 869. Leider ist es nicht in meiner Sammlung ....  :crying:




Hallo Dirk, :hut:
ja, das leuchtet alles ein :belehr:.
Warum sollte die Entwicklung eines gewöhnlichen Chondriten auch grundsätzlich anders ablaufen als bei z. B. einem HED. Außer das natürlich die Differenzierung nicht vorhanden ist.
Anders ist es dann aber doch bei den z.B. CV-Chondriten. Diese wurden in der Regel nicht von Impakten durchmischt, dadurch nicht permanent erhitzt und neu verbacken. Was ein Hinweis darauf wäre, das dieses Material von Kometen stammt!?
Liegt da Wahrheit in meiner Vermutung?  :nixweiss:

Danke und Gruß - Michael  :winke:

Hallo Michael  :winke: ,

ich bin mir jetzt nicht so sicher, was du jetzt schon alles über die Entstehung von Chondriten weißt. Auf jeden Fall ist es gut, dass Du Dir den Field Guide gekauft hast .... :super:

Kurz zusammengefasst soll es so abgelaufen sein: irgendwann nach dem Urknall entstanden aus der sich abkühlenden Materie die Chondren, kleine noch flüssige Kügelchen. Die Chondren verklumpten miteinander und bildeten größere Einheiten, die immer größer wurden. Je größer und dichter sie wurden, desto stärker heizten sie sich im Innern auf durch den Zerfall von kurzlebigen Isotopen und durch den gravitativen Druck der sich im Innern aufbaut. Es wird also immer heißer und heißer und die ursprünglichen Chondren (noch petrologischer Grad 3) werden durch die Hitze thermisch verändert (Aus 3ern werden 4er, 5er und am Ende 6er und 7er), wobei diese thermische Veränderung natürlich im heißen Zentrum des Mutterkörpers schneller abläuft als in den kühleren Außenbereich. Da man sich den Mutterkörper jetzt schalenartig vorstellen kann, spricht man hier vom Zwiebelschalenmodell (onion shell model).
Ist der Asteroid oder Mutterkörper groß genug und wird durch Gravitationsdruck und Zerfall von radioaktiven Isotopen genug Energie frei gesetzt und über längere Zeit nachgeliefert, dann erfolgt eine Differenzierung des Asteroiden. Versiegt die Energiezufuhr, weil es z.B. keine kurzlebigen Radioisotope mehr gibt, die zerfallen können, dann kühlt der Mutterkörper ab und der bis jetzt erreichte Zustand bleibt erhalten.
Differenziert der Körper aber weiter, dann trennen sich die schweren metallischen Bestandteile von den silikatischen und es  entsteht ein Eisen-Nickel-Kern und ein silikatreicher Mantel. Vesta ist hier bestimmt ein gutes Beispiel und natürlich auch die steinigen Planeten.
Wie sich das jetzt genau mit den CV-Chondriten verhält weiß ich nicht genau. Das es sich hier zwingend um Material von Kometen handeln muss, glaube ich nicht. Aber vielleicht kann da noch jemand anderes Auskunft geben.

 :winke:  :prostbier:
Dirk

Offline boborit

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Re: unklass. NWA
« Antwort #37 am: Januar 30, 2011, 12:46:20 Nachmittag »
Hallo Dirk, :hut:
vielen Dank für die informative Kurzeinführung :belehr:
Soweit ist alles klar, neu ist die Sache mit den petrologischen Graden.
Ich ging eher davon aus, dass Chondriten eher durch die Hitze von Impakten ihren petrologischen Grad verändern. Zumal ich davon ausging, dass die meisten Mutterkörper zu klein waren um von innen her aufgeheizt/-geschmolzen zu werden...
Sicher aber ist, ich kann viel mehr noch lernen als ich bereits weiss :user:
Herzlichen Dank!!
Grüße - Michael  :winke:
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Offline Dirk

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Re: unklass. NWA
« Antwort #38 am: Januar 30, 2011, 16:03:18 Nachmittag »
Soweit ist alles klar, neu ist die Sache mit den petrologischen Graden.
Ich ging eher davon aus, dass Chondriten eher durch die Hitze von Impakten ihren petrologischen Grad verändern. Zumal ich davon ausging, dass die meisten Mutterkörper zu klein waren um von innen her aufgeheizt/-geschmolzen zu werden...

Hallo Michael  :winke: ,

ich denke, das für die kontinuierliche Veränderung des petrologischen Grades vor allem eine relativ stabile und beständige Erhitzung notwendig war. Durch Impaktereignisse gibt es natürlich auch eine Veränderung, die tritt aber eher plötzlich auf und wird eher zu einer Zertrümmerung des Steins (Brekzierung), zur Schockvenenbildung, zum teilweisen oder sogar gänzlichen Aufschmelzen des Gesteins geführt haben. Sichtbare Ergebnisse solcher Impaktereignisse haben wir dann in unseren mehr oder weniger aufgeschmolzenen Brekzien, teilweise nur mit Schockvenen, teilweise mit richtigen schwarzen Schmelztaschen, manchmal fast völlig aufgeschmolzen und rekristallisiert.

Hier mal schnell drei Bilder:


Offline Dirk

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Re: unklass. NWA
« Antwort #39 am: Januar 30, 2011, 16:07:40 Nachmittag »
... und noch eine sehr schöne IMB von den Chladnis: NWA 5373

 :winke:  :prostbier:

Dirk

Offline Dirk

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Re: unklass. NWA
« Antwort #40 am: Januar 30, 2011, 16:08:40 Nachmittag »
...

(kann gelöscht werden)

Offline boborit

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Re: unklass. NWA
« Antwort #41 am: Januar 30, 2011, 16:12:07 Nachmittag »
Hallo Dirk,
da gilt es die feinen Unterschiede der Entstehung zu erkennen. Die Brekzien jedenfalls - große Klasse :super: :super:
Da muss ich auch mal eine raussuchen...mom...
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Re: unklass. NWA
« Antwort #42 am: Januar 30, 2011, 16:16:26 Nachmittag »
...hier meine Lieblings-Impaktbrekzie:
19,1g vom NWA 6383, ein LL6 mit S4/W1-2

guckst du hier:
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Offline Dirk

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Re: unklass. NWA
« Antwort #43 am: Januar 30, 2011, 16:36:34 Nachmittag »
...hier meine Lieblings-Impaktbrekzie:
19,1g vom NWA 6383, ein LL6 mit S4/W1-2

Sieht auch klasse aus  :super:

... so eine tolle Brekzie wie Dein 6383er ist ja immer auch eine Momentaufnahme. Ein paar Sekunden vorher gabs da einen riesen Crash, der das Gestein aufschmelzen liess. Und dann ist es wieder erstarrt. Und diesen absolut energiereichen Moment (  :laughing: ) kannst Du jetzt in Deinen Händen halten !!!!!! Ich finde diese Vorstellung hat was .....  :wow:


 :winke:
Dirk

Offline boborit

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Re: unklass. NWA
« Antwort #44 am: Januar 30, 2011, 16:50:38 Nachmittag »
...hier meine Lieblings-Impaktbrekzie:
19,1g vom NWA 6383, ein LL6 mit S4/W1-2

Sieht auch klasse aus  :super:

... so eine tolle Brekzie wie Dein 6383er ist ja immer auch eine Momentaufnahme. Ein paar Sekunden vorher gabs da einen riesen Crash, der das Gestein aufschmelzen liess. Und dann ist es wieder erstarrt. Und diesen absolut energiereichen Moment (  :laughing: ) kannst Du jetzt in Deinen Händen halten !!!!!! Ich finde diese Vorstellung hat was .....  :wow:


 :winke:
Dirk

Dirk ...ich kann die Hitze noch förmlich spüren... :einaugeblinzel:

Michael :winke:

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