Autor Thema: Einstieg in die Welt der Meteoriten  (Gelesen 13914 mal)

Stefan

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #75 am: Oktober 13, 2013, 09:47:54 vorm. »
Mond - Achondrite (LUN Gruppe)


Das Kürzel "LUN" steht für „Lunaite“ und bezeichnet eine Gruppe von Achondriten, die von unserem Erdtrabanten, dem Mond stammen. Wenn man sich den Mond in einer sternenklaren Nacht einmal genau ansieht, kann man sich gut vorstellen, wie diese Meteorite von der Mondoberfläche auf die Erde gelangt sind - der Erdtrabant ist übersäht mit großen Kratern, die von Einschlägen herrühren, die genug Kraft hatten, Gesteine aus dessen Kruste herauszureißen und so stark zu beschleunigen, dass sie das Schwerefeld des Mondes überwanden und im Weltall landeten. Einige dieser Bruchstücke gerieten in eine instabile Umlaufbahn um unseren Planeten und stürzten nach einiger Zeit als Mondmeteorite auf die Erde. Diese Meteorite sind so verschieden wie die Gesteine des Mondes selbst. Es existieren fünf verschiedene Klassen:

Regolith Hochlandbrekzien

•   Regolith Hochlandbrekzien stellen mit über zehn Funden die Mehrzahl der bekannten Mondmeteorite dar
•   sie stammen aus den Hochländern des Mondes, die den Großteil seiner Oberfläche bilden und vor allem die von der Erde aus unsichtbare Seite dominieren
•   in ihrem Mineralbestand bestehen sie vor allem aus einem durch Meteoritenbombardement und Sonnenwind entstandenen Regolith sowie einem zusammengebackenen Staub, der zahlreiche Klasten (feste Gesteinsbruchstücke, die aus der mechanischen Zerstörung anderer Gesteine stammen) von ursprünglichem Plagioklas enthält, der in den Hochländern des Mondes als kalziumreicher Anorthit das primäre, gesteinsbildende Mineral ist
•   diese Zusammensetzung verleiht den anorthositischen Regolith Hochlandbrekzien ihr typisches Aussehen mit eckigen, weißen Klasten (Anorthit) in einer kohlig-schwarzen Matrix (Regolith)


Fragmentale Hochlandbrekzien

•   fragmentale Hochlandbrekzien, die seltener als die Regolith Hochlandbrekzien sind, stammen ebenfalls aus den Hochländern des Mondes.
•   sie bestehen jedoch nicht aus Regolith, sondern aus brekziierten Gesteinsfragmenten der unter dem Regolith gelegenen lunaren Oberfläche
•   dementsprechend bestehen sie mineralogisch vor allem aus Anorthit, dem kalziumreichen Plagioklas der lunaren Hochländer, sowie einigen anderen begleitenden Mineralen wie z.B. Pyroxen und Olivin


Impakt Schmelzbrekzien (KREEP)

•   Impakt Schmelzbrekzien, ähnlich selten wie die fragmentalen Hochlandbrekzien, ähneln von ihrer mineralogischen Zusammensetzung den anderen Lunaiten der Hochländer - mit dem Unterschied, dass manche darin enthaltene Minerale in stark geschockter Form vorliegen, d.h. durch ein früheres Impaktereignis in ihrer Struktur verändert wurden.
Dementsprechend finden sich in diesen Schmelzbrekzien auch häufig Adern von zu Glas geschocktem Gestein sowie Hochdruckmineralien


Marebasalte

•   diese Meteorite, von denen nur fünf bekannt sind, sind Muster der lunaren Mare, der großen, dunklen Becken, die die Tiefländer des Mondes bilden. Drei dieser fünf Mondmeteorite sind Regolith Brekkzien, die vergleichbar mit den Regolith Hochlandbrekzien nur Fragmente des ursprünglichen Basalts in einer Regolith-Matrix aufweisen, während es sich bei zwei dieser Meteorite um echte Muster des lunaren Marebasalts handelt. Dieser besteht vornehmlich aus den Pyroxenen Pigeonit und Augit sowie einem geringeren Anteil von Plagioklas und Olivin
•   sie entstanden erst etwa eine Milliarde Jahre nach den etwa 4,5 Milliarden Jahre alten Hochländern


Maregabbros

•   diese Klasse wird nur durch einen Meteoritenfund aus der Antarktis repräsentiert, dem Meteorit Asuka-881757, der in seiner grobkörnigen Struktur den einzigen bislang bekannten unbrekziierten Mondmeteorit darstellt. Mineralogisch handelt es sich um einen sogenannten Gabbro, ein Gestein, das sich primär aus den Mineralen Plagioklas (in der Form von Anorthit) und Pyroxen (Pigeonit und Augit) zusammensetzt



Mars - Achondrite


Eine weitere Gruppe bilden die seltenen SNC-Meteorite, die nach den Anfangsbuchstaben dreier historischer Fälle benannt wurde: Shergotty, Nakhla und Chassigny. Diese Meteorite werden zusammen mit einigen weiteren Fällen und Funden aufgrund mineralogischer und chemischer Ähnlichkeiten in eine Gruppe zusammengefasst, und es ist inzwischen ziemlich sicher, dass alle diese Meteorite von unserem Nachbarplaneten Mars stammen. Für diese Annahme spricht nicht nur das vergleichbar junge Alter der meisten SNC-Meteorite, das oft nur wenige Hundert Millionen Jahre beträgt, sondern auch ein Vergleich von in diesen Meteoriten eingeschlossenen Gasen mit den Ergebnissen der Viking-Sonden, die im Jahre 1976 unter anderem die genaue Zusammensetzung der Marsatmosphäre untersuchten. Grundsätzlich unterteilen sich die SNC-Meteorite in vier mineralogische Klassen:


Shergottite

•   Benennung nach dem Fall von Shergotty (Indien)
•   sind unter den Marsmeteoriten sehr häufig
•   mineralogisch splitten sie sich in zwei verschiedene Typen, in die basaltischen und in die lherzolithischen Shergottite
•   basaltische Shergottite bestehen vor allem aus Plagioklas und Pyroxen und ähneln irdischen Basalten vulkanischen Ursprungs
•   lherzolithischen Shergottite bestehen aus Olivin und Orthopyroxen und enthalten nur geringere Mengen von Plagioklas. Sie sind eng mit den basaltischen Shergottiten verwandt, repräsentieren allerdings keine Ergussgesteine, sondern eher plutonische Tiefengesteine des Mars, die aus den gleichen Magmaschichten hervorgingen wie ihre basaltischen Verwandten
•   es gibt allerdings auch Übergänge zwischen dem basaltischen und lherzolithischen Typ, die zum Beispiel von den Marsmeteoriten aus der Dar al-Gani Wüste, Libyen, repräsentiert werden


Nakhlite

•   Benennung nach dem Fall von Nakhla (Ägypten)
•   feinkörnigen, grünlich braunen Meteorite
•   im mineralogischen Sinne bestehen sie hauptsächlich aus kalziumreichen Pyroxen (Augit) und einem geringen Anteil von Olivin
•   interessanterweise entdeckte man kürzlich in den Nakhliten seltene Minerale, die nur in der Anwesenheit von flüssigem Wasser entstehen konnten.
Analysen haben ergeben, dass diese Minerale noch auf dem Mars entstanden sein müssen, was dafür spricht, dass unser roter Nachbar, zumindest noch zur Zeit der Entstehung der Nakhlite, also vor etwa 1,5 Milliarden Jahren, flüssiges Wasser besessen hat


Chassignite

•   Benennung nach dem Meteorit Chassigny (Frankreich)  einziger Vertreter dieser Klasse
•   eng verwandt mit den Nakhliten
•   mineralogisch betrachtet handelt es sich bei Chassigny um ein nahezu rein aus Olivin bestehendes Tiefengestein, um einen sogenannten Dunit. Auch in Chassigny wurden Spuren von Mineralen gefunden, die nur in Anwesenheit von Wasser entstehen konnten, so zum Beispiel der auch auf der Erde bekannte Amphibol.
Orthopyroxenite
•   auch diese Gruppe wird nur durch einen einzigen Vertreter repräsentiert, durch den antarktischen Meteorit ALH84001
•   im Unterschied zu den anderen Marsmeteoriten besteht er nahezu ausschließlich aus Orthopyroxen und besitzt ein wesentlich höheres Alter
•   besonders bekannt wurde dieser heiß diskutierte Meteorit durch zahlreiche Untersuchungen diverser Einschlüsse, die Hinweise auf ein, zumindest früheres,  primitives Leben auf unserem Nachbarplaneten Mars geben
« Letzte Änderung: Oktober 13, 2013, 10:25:40 vorm. von Stefan »

Offline Murchison´s friend

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #76 am: Oktober 13, 2013, 10:03:16 vorm. »
Chassignite gibt es 2
Murchison`s friend ist für alles Neue offen - besonders um Meteorite zu finden !

Stefan

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #77 am: Oktober 13, 2013, 10:29:15 vorm. »
Danke für den Hinweis, werde ich recherchieren. Ich werde nach erfolgter Überarbeitung der Klassifikation diese als PDF-Dokument online stellen und hier verlinken - das scheint mehr Sinn zu machen als drei getrennte Beiträge. Zudem kann ich das PDF-Dokument noch etwas übersichtlicher gestalten.
Vielleicht hilft die Klassifikation ja dem ein oder anderen Neueinsteiger wie mir, das würde mich freuen! :super:

Offline gsac

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #78 am: Oktober 13, 2013, 10:32:58 vorm. »
Schöne Fleißarbeit! Das wird für den einen oder anderen Neueinsteiger
sicher ganz hilfreich sein, wenn man ihn hierhin verweisen kann...

Alex

Offline KarlW

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #79 am: Oktober 13, 2013, 17:12:23 nachm. »
Schöne Fleißarbeit! Das wird für den einen oder anderen Neueinsteiger
sicher ganz hilfreich sein, wenn man ihn hierhin verweisen kann...
   
... und für den Verfasser selbst ein wunderbarer Einstieg.  :super:
Besonders aber eine Ausgangsbasis für die weitere Entwicklung des Wissens; denn so eine Klassifikation ist immer eine Momentaufnahme des halbwegs Verstandenen. Dauernd drängen neue Ergebnisse nach, die verdaut werden wollen. Da gibt es die Ungruppierten, die nach einem Platz suchen, die anomalen Eukrite, die danach schreien, die HED-Dreifaltigkeit aufzubohren. Ganz zu schweigen von aufregenden Neulingen wie unserem bisher besten Merkur-Kandidaten. Wie überhaupt die spannende Frage nach der Herkunft unserer Meteorite, die in den meisten Fällen noch hoch-spekulativ ist. Da wird schon mal die Gefion-Familie für die L-Chondrite vorgeschlagen, die Flora-Familie mal für LL, mal für L. Durch die schärferen Beobachtungen und verfeinerten spektroskopischen Abgleiche in naher Zukunft sowie perspektivisch vielleicht durch die eine oder andere Rückholmission wird sich da viel tun.
Kurz, Stefan, Du hast eine aufregende Zeit vor Dir. Wie Alex eingangs schon geraten hat: Lesen, lesen, lesen und das Gesamtbild kritisch weiter entwickeln.
Viel Vergnügen dabei!   :winke:
Karl

Offline speul

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #80 am: Oktober 13, 2013, 20:35:46 nachm. »
moin moin,
na da war aber einer fleißig.
Nun geht's ans ausfüllen mit handfesten Stücken.
Ich wünsch Dir schon mal viel Spaß dabei.
Grüße
speul
Lächle einfach - denn du kannst sie nicht alle töten

Stefan

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #81 am: Oktober 16, 2013, 13:06:21 nachm. »
Ich werde am Wochenende eine PDF-Version der Klassifikation erstellen und diese hochladen und verlinken.

Sind sonst beim Überblick über das Inhaltsverzeichnis keine Lücken oder Fehler aufgefallen?

@speul

So siehts aus! :super: Da ich mit meiner IKEA-Vitrine leider Pech hatte und ein besseres Modell leider erst zu Beginn des nächsten Monats bei mir eintrifft, muss ich mit dem Präsentieren der ersten Stücke weiterhin noch etwas warten. Die Meteoriten laufen uns jedoch nicht davon. :smile:

Offline Greg

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #82 am: Oktober 16, 2013, 13:44:32 nachm. »
Hallo,

schöne Fleißarbeit. Wenn man sich die Dinge selber zusammenschreibt, hat man gleich einen ganz anderen Bezug dazu. :smile:
Ich erinnere mich gerade daran, wie ich damals mit meiner Sammelmappe angefangen bin und genau diese Fragen hatte.

Inhaltlich, ich muss gestehen, habe ich es nur überflogen.
Was mir dabei auffiel:
- Die Einteilung der Eisen ist etwas veraltet.
- Die Beschreibung beim Lunar KREEP macht das besondere der KREEP-Anteile nicht deutlich (in der damaligen Schmelze nicht lösliche Teile, die sich zwischen Anorthitoberfläche und olivinreichem Mantel angereichert haben und durch welche das Entstehungsmodell des Mondes untermauert wird ).

Viele Grüße
Greg

Stefan

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #83 am: Oktober 16, 2013, 16:11:31 nachm. »
Danke für den Hinweis. Wie sieht Deiner Meinung nach eine zeitgemäße Einteilung der Eisen-Mets aus?

Offline Greg

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #84 am: Oktober 16, 2013, 18:41:39 nachm. »
Hallo,

die "alte" Einteilung gliedert nach der Struktur (Hexaedrite, Oktaedrite und Ataxite).
Die aktuelle, offizielle Einteilung erfolgt nach chemischer Zusammensetzung (IAB Komplex, IC, IIAB usw.)
http://tw.strahlen.org/fotoatlas1/meteorite_eisen.html

Greg  :prostbier:

Offline lithoraptor

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #85 am: Oktober 16, 2013, 23:51:49 nachm. »
Moin Stefan!

- Die Einteilung der Eisen ist etwas veraltet.

Was Greg hier schrub fiel mir auch sofort auf. Ich würde weiterhin die F-Typen weglassen. Man kann theoretisch viel über deren Existenz spekulieren, aber ob es sinnig ist oder nicht steht auf einem anderen Blatt. Diese Klasse gibt es schlicht so langhe nicht, bis davon ein paar gefunden wurden und gut. :fluester:

Gruß

Ingo

Stefan

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #86 am: Oktober 17, 2013, 09:33:55 vorm. »
Danke für den Hinweis.

Der Meteorit Gebel Kamil wird im Meteoritical Bulletin wie folgt gruppiert:

Classification: Iron meteorite (ungrouped), Ni-rich ataxite, extensive shear deformation and low weathering

Die Bezeichnungen Oktaedrit, Hexaedrit und Ataxit scheinen somit schon noch angegeben zu werden? Oder würdet ihr die bei der Beschreibung der Meteoriten in der Vitrine diese komplett weglassen und beispielsweise beim Gebel Kamil bzgl. der Gruppierung nur die Bezeichnung "ungruppierter Eisenmeteorit" angeben?

Ich denke, dass man die strukturelle Klassifikation zusätzlich zur chemischen Klassifikation angeben kann, oder?

Offline lithoraptor

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Re: Einstieg in die Welt der Meteoriten
« Antwort #87 am: Oktober 17, 2013, 12:54:41 nachm. »
Moin Stefan!

Ich denke, dass man die strukturelle Klassifikation zusätzlich zur chemischen Klassifikation angeben kann, oder?

Ja, das kann man ergänzend tun. Wichtig ist aber, dass man immer die chemische Klasse angibt.

Gruß

Ingo

 

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