Autor Thema: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?  (Gelesen 266 mal)

Offline Riesgeologie

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Gibt es eine bislang unbekannte Verbindung zwischen dem Meteoritenfall von Ensisheim und Hans Holbein d. Ä.?
Oder:
Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?

Die Frage, ob einzelne Meteoritenfälle auch Auswirkungen auf die Kunstgeschichte hatten, ist immer wieder spannend. Beim Besuch der Staatsgalerie in Augsburg bin ich über ein interessantes Bild von Hans Holbein d. Ä. gestolpert: Es handelt sich um das 1512 entstandene Bild „Martyrium der hl. Katharina“. Ich bin davon überzeugt, dass dort ein bekannter Meteoritenfall dargestellt wird. In der kunstgeschichtlichen Literatur habe ich zu der im Hintergrund dargestellten Himmelserscheinung nichts gefunden. Aus diesem Grunde habe ich damit begonnen über diese Auffälligkeit genauer zu recherchieren. Möglicherweise hat der Meteoritenfall von Ensisheim die Malerei zu Beginn der Renaissance in mancherlei Hinsicht beeinflusst. Ich bin sehr auf Eure Meinung gespannt. Vielleicht habt Ihr ja auch hilfreiche Literaturhinweise!

Zu Hans Holbein d. Ä.:
Geboren wurde er um 1460/65 in Augsburg als Sohn des Gerbers Michael Holbein. Gestorben ist er 1524, möglicherweise in Basel oder Isenheim (Issenheim, französische Gemeinde im Département Haut-Rhin, W von Ensisheim). Bekannt geworden ist er vor allem durch seine Malerarbeiten. Hans Holbein d. Ä. prägte die Kunstwelt neben weiteren Malern (Albrecht Dürer, Lucas Cranach etc.) der Zeit zwischen dem ausgehenden Mittelalter und Renaissance. Künstlerisch vollzog Holbein den Wechsel von der Stilrichtung der Gotik zur Renaissance etwa zu Beginn des neuen Jahrhunderts (also ab 1500). Seine Ausbildungsjahre verbrachte er vermutlich in Ulm und am Oberrhein. 1493 wird er urkundlich als Bürger von Ulm bezeichnet, 1494 ist er wieder nach Augsburg zurückgekehrt, wo er mit einigen Unterbrechungen bis 1515 lebte. 1515 verließ Hans Holbein d. Ä. Augsburg wieder. Tätigkeiten in Isenheim und Luzern sind bezeugt.

Das Bild mit der Darstellung eines Meteoritenfalls (eigene Meinung, vgl. Fotos):
Das Bild trägt den Titel „Martyrium der heiligen Katharina“ (Inv.-Nr. 5297) und entstand im Jahre 1512. Das Bild hat eine Größe von 106,0 x 78.0 cm und wurde auf Nadelholz gemalt. Datiert wurde es mit römischen Zahlen auf der Schrifttafel rechts unten im Bild mit M ∙ D ∙ XII und Signiert auf dem Rahmen (Original?). Die hl. Katharina von Alexandrien (4. Jhd.) wurde, nachdem ihr Martyrium auf dem messerbesetzten Rad durch einen vom „Himmel herabfahrenden Blitz“ vereitelt worden war, mit dem Schwert hingerichtet. So die Legende. In der Kunst wird dieser „herabfahrende Blitz“ für gewöhnlich mit Lichtstrahlen bzw. als Hagel und unwetterartigen Regen und/oder Blitze dargestellt (z. B. Simon Marmion, Link: https://www.europeana.eu/portal/de/record/2064108/Museu_ProvidedCHO_Kupferstichkabinett__Staatliche_Museen_zu_Berlin_1681968.html, ca. 1425 bis 1489 oder Lucas Cranach d. Ä. um 1505 Link: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/02/The_Martyrdom_of_St_Catherine_by_Lucas_Cranach_the_Elder_%28HU_HCBC%29.jpg.

Beim Besuch der Staatsgalerie in Augsburg (Sommer / Herbst 2019) ist mir dieses Bild besonders wegen der Darstellung des „herabfahrenden Blitzes“ aufgefallen. Dieser Blitz erinnert mich tatsächlich eher an einen Meteoritenfall als an einen Blitz oder etwa ein Hagelschauer. Bei genauer Betrachtung fallen da nicht nur helle, feuerartige Flammen aus einer dunklen Wolke, sondern auch graue, rundliche Steine vom Himmel. Im ersten Moment erinnert die Wolke an die Darstellung des Meteoritenfalles von Ensisheim von dem Flugblatt von Sebastian Brant (1492, Vom Donnerstein bei Ensisheim, Link: http://idb.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/KeXVIII4a_fol_23#p=1) und von Hartmann Schädel (1493, Seite 257 (CCLVII) der lateinischen Ausgabe der Weltchronik, Link: www.noerdlinger-ries.de). Ein möglicher Augenzeuge dieses Ereignisses könnte auch Albrecht Dürer gewesen sein, der 1496 auf der Rückseite des Bildes „Büßender Hieronymus“ einen Meteoriteneinschlag bzw. einen „explodierenden Himmelskörper“, Link: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3b/Albrecht_durer_heavenly_body_in_the_night_sky.jpg, malte bzw. 1498 in der „Apokalypse“ (Die Eröffnung der Fünften und Sechsten Sigels, Link: https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/die-eroeffnung-des-fuenften-und-sechsten-siegels) oder eben bei der um 1500 entstandenen Grafik „Martyrium der hl. Katharina von Alexandrien“, Link: https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/webgos/bnm_online.php?seite=5&fld_0=00226377) ein solches Himmelsereignis (Einzelmeteorit, Meteoritenschauer) künstlerisch darstellte. Gerade bei dem Gemälde auf der Verso-Seite des Ölbildes „Büßender Hieronymus“ scheint es so zu sein, dass der explodierende Himmelskörper auf der Rückseite des eigentlichen Bildes in direktem Zusammenhang mit dem zur Mittagszeit des 7. November 1492 ereigneten Meteoritenfalls von Ensisheim steht. Da Dürer sich zum Fallzeitpunkt im rund 40 km entfernten Basel aufhielt, könnte er auch Augen- und Ohrenzeuge gewesen sein. Das bedeuten würde, dass die Rückseite des zeitgenössischen Bildes den Meteoritenfall von Ensisheim zeigt. (The meteorite of Ensisheim: 1492 to 1992, Link: http://articles.adsabs.harvard.edu/cgi-bin/nph-iarticle_query?1992Metic..27...28M&defaultprint=YES&filetype=.pdf, Wiener Zeitung, Link: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/925617-Der-Stein-von-Ensisheim.html, Wiki, Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Ensisheim_(Meteorit), und eine kritische Stimme von der NZZ, Link: https://www.nzz.ch/articleA1JDN-1.351563). Bei den einzelnen Darstellungen fällt auf, dass manchmal eher ein einzelnes Fallereignis bzw. ein Meteoritenschauer dargestellt sein könnte. Vielleicht ist dies aber auch die künstlerische Freiheit das ausgehenden Mittelalters.

Zu Hans Holbein dem Älteren gibt es sehr viel Primärliteratur und Sekundärliteratur. Allerdings denke ich, dass der Meteoritenfall von Ensisheim aufgrund der Biografie von Holbein eine Rolle gespielt haben könnte. Bislang habe ich im kunsthistorischen Schrifttum zu Hans Holbein d. Ä. nichts gefunden. Daher hat Holbein, ähnlich wie Dürer, möglicherweise als Augenzeuge oder zumindest Zeitzeuge des Meteoriteneinschlages von Ensisheim war. Holbein hatte folglich unmittelbar Kontakt zu Augenzeugen der Himmelserscheinung, was sich vermutlich letztlich auch in seinem Werk niedergeschlagen hat.

Verwendete Quellen zu Hans Holbein d. Ä.:

Bayerische Staatsgemäldesammlungen (1988): Staatsgalerie Augsburg, Städtische Kunstsammlungen. Band 1: Altdeutsche Gemälde Katalog (3. Auflage), 171 Seiten, 85 Tafeln. München.

Schawe, M. (o. J., um 2002): Staatsgalerie Augsburg, Altdeutsche Malerei in der Katharinenkirche. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, 118 Seiten. Augsburg.


Herzliche Grüße vom Riesrand

Oliver Sachs

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Offline Wunderkammerad

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #1 am: November 11, 2019, 16:02:32 nachm. »
Interessantes Thema.

Den von Dir angesprochenen Aspekt der künstlerischen Freiheit möchte ich unterstreichen. Den Jungs ging es um eine möglichst drastische und ungewöhnliche Schilderung eines Ereignisses, und da hat man sich gern auch aus unterschiedlichen Quellen bedient.

Was das Bild von Holbein d.Ä. betrifft: ein klassischer Blitzschlag ist es wohl kaum, was da abgebildet ist, obwohl die offensichtlichen Hagelkörner mit Gewitter gut zu verbinden wären. Die Feuerzünglein könnten durchaus erinnern an eine zeitgenössische Darstellung des Knyahinya-Falls, Ukraine https://de.m.wikipedia.org/wiki/Knyahinya_(Meteorit)#/media/Datei%3AKnyahinya_Meteorite_Fall.jpg

Mein erster Verdacht jedenfalls: hier wurde, wie auch sonst gern in der Kunst, schwer gesampelt.



Offline Met1998

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #2 am: November 11, 2019, 19:39:15 nachm. »
Meine Bildinterpretation zu Holbein, ohne große Textkenntnis, (wie ich das Bild sehe!):

Da man die fliegenden, glühenden Steine sogar vor dem Rad sieht, ist es für mich eindeutig ein Meteoritenfall, der/die da durch die Wolken zischen.

Da schon Tote unter dem Messer-Rad liegen, stellt sich die Frage, sind die von den Mets zu Boden gestreckt (manche heben noch die Arme), oder hatten die das gleiche Schicksal wie Katharina, die gleich einen Kopf kürzer gemacht werden soll, oder auch nur gerädert wird?

Wurden Frauen zu dieser Zeit von ihrem Mann immer so zärtlich angefasst?  :wow:
Nach dem Motto: Guck hin du treulose Verräterin, so ergeht es dir auch gleich!

Und für diese unmenschlichen Hinrichtungen hat Gott seine Strafe geschickt – die Meteoriten (und somit Katharina verschont?)
Aber nur vorübergehend verschont, denn der Gesichtsausdruck des Königs sagt eigentlich alles!

Übrigens hat der König schon einige Mets in seinem Beutel vor dem Säckl eingesackt, der wußte schon damals, dass die wertvoll sind! Es könnte aber auch sein, dass die Diebe der Meteoriten hingerichtet werden, denn die gehören nur dem König!

Ein fantastisches Gemälde!  :super:

Der Interpret
Met1998  :hut:
« Letzte Änderung: November 11, 2019, 20:18:57 nachm. von Met1998 »
Der Mensch hat die Fähigkeit zur Vorahnung und er reift mit Geduld, wie Whisky, Käse und Wein!

Offline Wunderkammerad

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #3 am: November 11, 2019, 19:54:07 nachm. »
Interessantes Thema.

Den von Dir angesprochenen Aspekt der künstlerischen Freiheit möchte ich unterstreichen. Den Jungs ging es um eine möglichst drastische und ungewöhnliche Schilderung eines Ereignisses, und da hat man sich gern auch aus unterschiedlichen Quellen bedient.

Was das Bild von Holbein d.Ä. betrifft: ein klassischer Blitzschlag ist es wohl kaum, was da abgebildet ist, obwohl die offensichtlichen Hagelkörner (?) mit Gewitter gut zu verbinden wären. Die Feuerzünglein könnten durchaus erinnern an eine zeitgenössische Darstellung des Knyahinya-Falls, Ukraine https://de.m.wikipedia.org/wiki/Knyahinya_(Meteorit)#/media/Datei%3AKnyahinya_Meteorite_Fall.jpg

Mein erster Verdacht jedenfalls: hier wurde, wie auch sonst gern in der Kunst, schwer gesampelt.
Dass es sich bei Holbein um ein auch nur annähernd realistisches Zitat des Ensisheimfalles handelt, wird schon dadurch ausgeschlossen, dass hier bekanntlich eine massive Masse gefallen ist, und kein, wie auf dem Bild eventuell suggeriert, Meteoritenschauer.

Offline Riesgeologie

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #4 am: November 26, 2019, 14:04:18 nachm. »
Erst einmal meinen herzlichen Dank für Eure Einschätzungen und Meinungen  :winke:

Ich werde mir in nächster Zeit noch weiter meine Gedanken zu dem Thema machen, zumal Hans Holbein d. Ä. (ähnlich wie Albrecht Dürer) ja zur fraglichen Zeit in der unmittelbaren Umgebung von Ensisheim (Isenheim, heute: Issenheim, französische Gemeinde im Département Haut-Rhin, W von Ensisheim) war. Zu erst werde ich mich in den umfangreichen und sehr interessanten Artikel  "The meteorite of Ensisheim: 1492 to 1992" von Ursula Marvin vertiefen (siehe Meteoritics 27, 28-72). Das ist auch in dieser Hinsicht eine Fundgrube.

Viele Grüße

Oliver

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Offline Wunderkammerad

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #5 am: November 26, 2019, 16:33:38 nachm. »
Nachdrücklich zu empfehlen ist auch das bibliophil edierte Bändchen:
Thedora von der Mühll, Der Donnerstein von Ensisheim. Birkhäuser Verlag, Basel o.J.

Offline gsac

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #6 am: November 26, 2019, 16:46:21 nachm. »
Nachdrücklich zu empfehlen ist auch das bibliophil edierte Bändchen:
Thedora von der Mühll, Der Donnerstein von Ensisheim. Birkhäuser Verlag, Basel o.J.

Das ist ein wunderschönes Büchlein, kann ich nur bestätigen!  :super:

Alex

Offline Riesgeologie

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Re: Hatten Meteoritenfälle Einfluss auf die Kunst des Mittelalters / Renaissance?
« Antwort #7 am: November 26, 2019, 18:15:21 nachm. »
Danke  :smile:

Werde ich mir demnächst beschaffen. Schließlich ist ja bald Weihnachten, die Zeit der Ruhe und des Lesens  :einaugeblinzel:

Oliver

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