Autor Thema: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika  (Gelesen 6296 mal)

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NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« am: Mai 25, 2011, 23:28:15 Nachmittag »
Hallo Leute,

Nachdem bereits 2008 ein interessanter Artikel zu dieser NWA Schönheit erschien und dieser facettenreiche Meteorit endlich offiziell wurde:

Metzler K., Ott U. et al. (2008) The L3-6 Regolith Breccia Northwest Africa 869: Petrology, Noble Gases and Cosmogenic Radionuclides (Lunar And Planetary Science Xxxix, 2008, 1120.Pdf).

... folgt nun in der Mai Ausgabe von MAPS Teil 1 eines weiteren, sehr interessanten wissenschaftlichen Artikels darüber:

Metzler K. et al. (2011) The L3-6 Chondritic Regolith Breccia Northwest Africa 869 (NWA 869): (I) Petrology, Chemistry, Oxygen Isotopes, and Ar-Ar Age Determinations (Maps 46-5, 2011, pp. 652-680).

Man darf auf Teil 2 gespannt sein!

Bernd  :hut:

P.S.: Man beachte, daß im 2011-er Artikel von MAPS der NWA 869 von L4-6 auf L3-6 "aufgestiegen" ist !!!
(247553) Berndpauli = 2002 RV234

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Offline ironmet

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #1 am: Mai 25, 2011, 23:35:18 Nachmittag »
Hallo Bernd,

ha..diese Ausgabe blättere ich auch gerade durch.
Schau mal auf Seite 657, die Abbildung (b) der vier oberen Fotos.
Das ist ja Kandidat 71 aus dem anderen Thema....eine Balkenchondre mit Glas.. :wow:

Viele Grüße Mirko

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #2 am: Mai 25, 2011, 23:55:03 Nachmittag »
Schau mal auf Seite 657, die Abbildung (b) der vier oberen Fotos. Das ist ja Kandidat 71 aus dem anderen Thema....eine Balkenchondre mit Glas.. :wow:

Nur, daß Deine beiden Aufnahmen viel, viel schöner und aussagekräftiger sind, da sie in Farbe sind und nicht dieses etwas langweilige schwarz-weiß in der Aufnahme auf Seite 657. Übrigens ist auch bei der vierten Aufnahme (Fig. 2d, p. 657) Chondrenglas zu sehen, diesmal in einer PO Chondre.

Bernd  :hut:
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #3 am: Mai 26, 2011, 00:19:01 Vormittag »
Man beachte, daß im 2011-er Artikel von MAPS der NWA 869 von L4-6 auf L3-6 "aufgestiegen" ist !!!

Dies dürfte so ein Typ 3-Bereich sein, der für die oben angesprochene Anhebung von L4-6 auf L3-6 gesorgt hat! Die Autoren schreiben: "Less than 3.5" - also niedriger als L3.5 !

Bernd  :hut:

P.S.: Weil mir dieser Sachverhalt schon vor Jahren aufgefallen war, habe ich unter anderem dies zu dem 111.1 gr Stück in meiner Datenbank (ich führe selbige in Englisch) geschrieben: "Crisp sharply delineated chondrules with almost no matrix mesostasis".
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #4 am: Juni 04, 2011, 22:19:55 Nachmittag »
Guten Abend aus dem schwül-gewittrigen Ketsch,

Da ich den oben zitierten MAPS Artikel zum NWA 869 so interessant und aufschlußreich finde, habe ich mir eine Art Zusammenfassung dessen erstellt, was mir für meine persönlichen Zwecke relevant erscheint. Nicht jeder von uns hat ja ein MAPS Abonnement aber fast jeder hat NWA 869 in der Sammlung. Da der Artikel sehr umfangreich ist, kam da schon einiges zusammen und ich präsentiere dem Forum heute Abend Teil 1 meiner Zusammenfassung:

Metzler K. et al. (2011) The L3–6 chondritic regolith breccia Northwest Africa (NWA) 869: (I) Petrology, chemistry, oxygen isotopes, and Ar-Ar age determinations  (MAPS 46-5, 2011, pp. 652-680):

Tausende einzelner Steine mit einem Gewicht von 1 Gramm bis mehr als 20 kg und einem Gesamtgewicht von etwa 7 Tonnen wurden bereits gefunden. Das meiste dieses Materials ging durch die Hände Dean Besseys. Das Streufeld ist leider nicht dokumentiert und so ist  reichlich Material in Umlauf, über dessen Herkunft es keinerlei Informationen gibt. Sehr wahrscheinlich tragen also etliche NWA 869 Meteorite eine andere NWA Nummer. Interessanterweise ähnelt auch der in der Antarktis gefundene L-Chondrit MacAlpine Hills (MAC 87302) dem NWA 869 in hohem Maße. Ursprünglich wurde NWA 869 als eine fragmentale L4-6 Brekzie klassifiziert. Er enthält solare Gase, ist grobkörnig, eine chondritische Regolithbrekzie mit unequilibrierten (niedriger als 3.5-6) und equilibrierten, chondritischen Klasten (das sind in hohem Maße rekristallisierte, metamorph veränderte Typ 5 und Typ 6 Lithologien aus größeren Tiefen des Mutterkörpers).

Daher sollte NWA 869 als L3-6 Regolithbrekzie klassifiziert werden. Die unequilibrierte Lithologie stammt von der Region, bzw. der Schicht an der Oberfläche des Mutterkörpers, die, bevor sie durch Impaktereignisse und Zumischung vereinzelter Komponenten zur Gastbrekzie herausgeschlagen wurde, nicht oder nur schwach verfestigt war.

Meistens lassen sich NWA 869 Stücke makroskopisch relativ leicht identifizieren. Winderosion hat ihre Schmelzkruste abgetragen, obwohl einige Stücke schon noch über Reste davon verfügen. Bruchflächen, die beim Aufschlag auf dem Boden entstanden sind, zeigen einen typischen, grünlichgrauen Farbton und manchmal ist visuell sogar eine Brekziierung zu erkennen in Form heller und/oder dunkler Klasten. Abgesehen von diesen charakteristischen, durch den Wind verursachten Ablationsmerkmalen kann man typische NWA 869 Exemplare auch an sg. Caliche-Anhaftungen erkennen – Caliche ist ein gelbliches, feinkörniges Sedimentmaterial, das sehr fest an oder auf den NWA 869 Stücken haftet.

Es gibt aber auch vermeintliche NWA 869, die zwar makroskopisch wie NWA 869 aussehen, jedoch deren Komponenten, deren durch Schock dunkel gewordene Klasten oder deren IMRs (impact melt rocks) aber nur aus einer L-Typ Lithologie bestehen, also z.B. vom petrologischen Typ 5 oder 6 sind. Ist dies der Fall, kann man diese Meteorite nicht eindeutig als NWA 869 zugehörig einstufen.

Bernd  :hut:
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #5 am: Juni 05, 2011, 15:58:47 Nachmittag »
Teil 2 meiner Zusammenfassung:

Metzler K. et al. (2011) The L3–6 chondritic regolith breccia Northwest Africa (NWA) 869: (I) Petrology, chemistry, oxygen isotopes, and Ar-Ar age determinations  (MAPS 46-5, 2011, pp. 652-680):

Der Verwitterungsgrad (W1) ist minimal. Lediglich vereinzelte Kalzitäderchen im Randbereich einiger Steine. Bräunlich-weiß aussehende Einsprengsel in Typ 5 und Typ 6 Chondrenklasten sind das Ergebnis von Oxydation und schockgedunkelte Klasten sind häufig von dünnen, bräunlichen Säumen umgeben. Große Bruchstücke (> 1 kg) zeigen Reste von Schmelzkruste, die aufgrund intensiverer Verwitterung mehr oder weniger mit Caliche bedeckt ist.

NWA 869 hat Schockstufe S3 (Olivin sollte demnach planare Frakturen zeigen), ist also nur relativ schwach geschockt, wobei jedoch einige Klasten heftiger als S3 geschockt wurden, bevor sie in die Gastbrekzie inkorporiert wurden. Einige chondritische Klasten, die bis zu 3.3 cm groß sein können, zeigen ganz deutlich durch Schock verursachte Schwärzung der Silikate mit einer intensiven, inneren Brekziierung verursacht durch Impakte auf dem Mutterkörper.
Da Schockdunklung auf einzelne Klasten beschränkt geblieben ist, muß sich diese Schwärzung vor der Bildung der Klasten vollzogen haben. Im Dünnschliff erscheinen die dunkleren Klasten als extrem verzweigtes Netz aus feinverteilten Sulfiden und FeNi Äderchen, während die etwas weniger dunkle Ausprägung grobkörnigere Sulfide und Ketten  aus winzigen Sulfidkügelchen zeigt – die Folge eines langsamen Abkühlungsprozesses nach der Schockdunklung. Das Vorhandensein von sogenanntem "fizzed troilite" (= FeNi als Tröpfchen in Sulfid eingebettet – vielleicht übersetzbar mit "gesprudeltem Troilit" in Anlehnung an Kohlensäure in Mineralwasser) weist darauf hin, daß das aufgeschmolzene Gestein nach dem Impakt schnell auskristallisierte.


Bernd  :hut:

Over, out und ab zu einer Geburtstagsfeier!
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #6 am: Juni 07, 2011, 17:28:20 Nachmittag »
Teil 3 meiner Zusammenfassung:

Metzler K. et al. (2011) The L3–6 chondritic regolith breccia Northwest Africa (NWA) 869: (I) Petrology, chemistry, oxygen isotopes, and Ar-Ar age determinations  (MAPS 46-5, 2011, pp. 652-680):

IMRs (= impact melt rocks) in NWA 869 sind Gesamtgesteinssschmelzen mit einem variablen Anteil an beigemischten, klastischen Gesteinstrümmern. Damit sich IMRs bilden können, bedarf es eines Schockdrucks von 80-100 GPa (1 Gigapascal = 1 Milliarde Pascal) und einer Temperatur von mindestens 1500°C nach dem Schockereignis. Also muß der einschlagende Körper eine Impaktgeschwindigkeit von mehr als 8 km/s gehabt haben, was zur Folge hatte, daß durch die hierbei entstehenden Hitze und Drücke Sulfide mobilisiert werden konnten. IMRs sind sowohl arm an FeNi-Metall als auch an FeS (für FeS beträgt diese Abreicherung ca. 70%), dafür sind andere Bereiche in NWA 869 damit angereichert. Die SiO2-Werte liegen in IMRs etwas höher als dies beim Gesamtgehalt von NWA 869 der Fall ist. Es findet sich sowohl IMR-Material, welches in direktem Bezug zu NWA 869 steht, als auch IMR-Material, das keinerlei Bezug dazu hat, wobei letzteres mit Impaktormaterial kontaminiert ist.

Chondren: Während vereinzelt auftretende, unequilibrierte Chondren eine bestens ausgebildete äussere Form haben, manchmal sogar (und der Mirko wird’s gerne hören :smile:) mit dazwischenliegendem Chondrenglas (pinkfarben oder auch bräunlich), sind die Chondren in Klasten vom Typ 5 und 6 unscharf bzw. undeutlich ausgebildet und in hohem Maße rekristallisiert. Man hat zwar im NWA 869 einige aluminiumreiche Chondren entdeckt, jedoch keine CAIs. In den Chondren und der Matrix findet sich ausserdem Plagioklas, Chromit, Magnetit und, wie bereits angesprochen, Sulfid. Etliche der größeren Sulfidkörnchen haben einen Saum aus FeNi-Metall.

Bernd  :hut:
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #7 am: Juni 07, 2011, 22:45:38 Nachmittag »
Hallo Bernd, :winke:

vielen Dank für Deine übersetzte Zusammenfassung. :kiss:

Viele Grüße Mirko :prostbier:

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #8 am: Juni 07, 2011, 23:01:01 Nachmittag »
Auf "Weidmanns Heil" folgt "Weidmanns Dank" aber es gibt demnächst noch einen weiteren Teil meiner Zusammenfassung. Ausserdem ist ja auch von dem MAPS Artikel selbst offenbar noch ein zweiter Teil in einer zukünftigen Ausgabe von MAPS zu erwarten. Ich nehme mal an, daß die Autoren sich noch der "achondritisch" aussehenden Einschlüsse annehmen!

Bernd  :hut:
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #9 am: Juni 08, 2011, 18:52:32 Nachmittag »
Und hier, last but not least, der vierte und letzte Teil meiner Zusammenfassung des MAPS Artikels:

Metzler K. et al. (2011) The L3–6 chondritic regolith breccia Northwest Africa (NWA) 869: (I) Petrology, chemistry, oxygen isotopes, and Ar-Ar age determinations  (MAPS 46-5, 2011, pp. 652-680):

Helle Einschlüsse:

Es finden sich zweierlei hellfarbene Einschlüsse im NWA 869 Material – Einschlüsse, die entweder einen genetischen Bezug zu NWA 869 haben oder nicht damit verwandt sind. Es handelt sich um Typ 5 und Typ 6 Material, das in eine dunklere, teilweise klastische Matrix eingelagert ist und sich durch einen geringen Gehalt an Sulfiden und FeNi Metall auszeichnet. Sie haben auch eine Affinität zu den IMRs, besonders im Hinblick auf ihren Gehalt an SiO2 und FeS.

SiO2-reiche Objekte:

Die Autoren dieser Abhandlung sind der Ansicht, daß SiO2-reiche Objekte im NWA 869 als silikatreiche Chondren zu deuten sind, die gebildet wurden, als früher auskondensiertes, SiO2-reiches Ausgangsmaterial erneut erhitzt wurde. Diese Objekte bildeten sich während des Prozesses, der zur Chondrenbildung führte und dem eine rasche Abkühlung folgte. Es gibt zwei verschiedene Arten mit einer hohen aber deutlich unterschiedlichen Konzentration von SiO2 (43.1 und 55.9 wt%), was darauf hinweist, daß sie nicht gemeinsamen Ursprungs sind. Die SiO2 Körnchen haben die Form amoeboider "Tröpfchen" mit dentritischer oder isometrischer Form oder sie umgeben Chondrenreste.

Mikrobrekzien im NWA 869:

NWA 869 enthält winzige, unequilibrierte Mikrobrekzien, welche im Durchlicht wegen der feinen Körnchengröße des Metalls und der Sulfide opak erscheinen. Es sind also Mikrobrekzien innerhalb der NWA 869 Brekzie, die man als zusätzliche, spezifische Lithologie von niedriger Petrologie ansehen kann und die gebildet wurden, als der lockere, nur schwach verfestigte Regolith auf dem Mutterkörper durch einen Impakt verfestigt wurde.

Prozentuale Zusammensetzung des NWA 869:

- 74 vol% klastische Matrix
- 20 vol% chondritische Klasten des petrologischen Typs 4–6
- 04 vol% shockgedunkelte, chondritische Klasten
- 0.9 vol% IMR Klasten
- 0.8 vol% chondritische Klasten des petrologischen Typs 3

Größenverteilung der Klasten:

- unequilibrierte, dunkle Chondrenklasten des petrologischen Typs 3 bis zu 1.5 cm
- shockgedunkelte Chondrenklasten bis zu 3.3 cm
- IMR Klasten bis zu 4.5 cm
- hochmetamorphe Klasten vom Typ 5 und 6 bis zu 5.5 cm

Alter diverser NWA 869 Komponenten:

- Typ 4 chondritische Klaste: 4402 ± 7 Ma (Ergebnis der Erhitzung durch ein frühes Impaktereignis)
- schockgedunkelter Einschluß: 2216 ± 40 Ma
- Impaktschmelzklaste: 1790 ± 36 Ma
- endgültige Zusammenfügung und Schocklithifizierung vor weniger als 1.79 Ga

Man sieht, daß keiner der Alterswerte der gemessenen Komponenten in Zusammenhang steht mit dem verheerenden Ereignis vor etwa 470 Ma, das viele L Chondrite in Mitleidenschaft zog und bei dem der Mutterkörper der L-Chondrite wahrscheinlich zerissen wurde.

Warum MAC 87302 and NWA 869 einander so ähneln:

Beide Chondrite haben eine äusserst ähnliche Ansammlung verschiedener Lithologien, sie besitzen beide durch den Sonnenwind implantierte Edelgase, beide bestehen sie aus equilibriertem und unequilibriertem Material (letzteres vom petrologischen Typ 3-4 mit gut ausgebildeten, klar von der Matrix abgegrenzten Chondren) und in beiden finden sich zentimetergroße, schockgedunkelte Einschlüsse und IMR Klasten.

So, ... jetzt dürfen wir auf den zweiten Artikel der Autoren zum NWA 869 gespannt sein!

Bernd  :hut:

P.S.: Hallo Achim, herzlichen Dank für Deinen netten Kommentar in einer PM!
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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #10 am: Juni 08, 2011, 19:14:01 Nachmittag »
Hallo Bernd,

Echt Spitze!!
Du solltest die Deutsche Ausgabe des MAPS ins Leben rufen und alle Artikel ins Deutsche übersetzen. :einaugeblinzel:

Erstaunlich, das mit einem Anteil von weniger als 1% Typ3 Materials die Klassifikation jetzt von L4-6 auf L3-6 geändert wird.
Da gibt es doch sicher eine Unmenge anderer Meteorite, die dann auch umklassifiziert werden müssten.
Wenn ich nur an Chergach denke.....
Der könnte auch als H3-5 durchgehen.....wenigstens aber H4-5.
Aber vielleicht kommt sowas noch.
Ist ja immer abhängig davon wie intensiv sich von wissenschaftlicher Seite mit dem Material befasst wird.

Viele Grüße Mirko   

Offline pema

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #11 am: Januar 02, 2014, 14:11:32 Nachmittag »
Hallo!

Habe diesen äusserst interessanten Beitrag über NWA 869 gerade zufällig entdeckt!
Herzlichen Dank an Bernd für die tolle Zusammenfassung!  :hut:

Teil 2 ist scheinbar vor einiger Zeit erschienen:

The L3–6 chondritic regolith breccia Northwest Africa (NWA) 869: (II) Noble gases and cosmogenic radionuclides
Meteoritics & Planetary Science
Volume 46, Issue 7, pages 970–988, July 2011

Da ich selber das MAPS Magazin nicht habe, bin ich (und sicherlich nicht nur ich!  :smile: ) natürlich an Kommentaren sehr interessiert! 

Beste Grüsse!
PeMa

Offline Thin Section

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #12 am: Januar 04, 2014, 21:34:15 Nachmittag »
Habe diesen äusserst interessanten Beitrag über NWA 869 gerade zufällig entdeckt! Herzlichen Dank an Bernd für die tolle Zusammenfassung! :hut:

Herzlichen Dank an Dich, Peter, für dieses positive Feedback!

Teil 2 ist scheinbar vor einiger Zeit erschienen: The L3–6 chondritic regolith breccia Northwest Africa (NWA) 869: (II) Noble gases and cosmogenic radionuclides, Meteoritics & Planetary Science, Volume 46, Issue 7, pages 970–988, July 2011. Da ich selber das MAPS Magazin nicht habe, bin ich (und sicherlich nicht nur ich!  :smile: ) natürlich an Kommentaren sehr interessiert!

Bitteschön ... hier also meine eigene, deutsche Zusammenfassung der mir persönlich relevant erscheinenden Informationen aus diesem Artikel in MAPS:

Welten K. et al. (2011) Die L3-6 chondritische Regolithbrekzie NWA 869: (Teil II) Edelgase und kosmogene Radionuklide (MAPS 46-7, 2011, pp. 970–988):

Mit einem präatmosphärischen Durchmesser von ca. 4.50 m ist NWA 869 das drittgrößte, bislang geborgene, chondritische Objekt nach Gold Basin (L4-6) mit einem Durchmesser von 6-10 m und Chelyabinsk mit einem Durchmesser von etwa 17-20 m.

Bei den L-Chondriten gibt es weit weniger Regolithbrekzien als bei den H-Chondriten (3% versus 15%). Der Grund hierfür könnte sein, daß der L-Chondrit Mutterkörper vor etwa 500 Millionen Jahren bei einem katastrophalen Ereignis zerissen wurde. Die Autoren favorisieren jedoch eine andere Erklärung: Als der Mutterkörper der L-Chondrite zerissen wurde, enstanden einfach auch unzählige kleine Bruchstücke aus dessen Inneren, zu klein um Regolith zu bilden.

NWA 869 ist eine Regolithbrekzie: mit Ausnahme von Einschlüssen des petrologischen Typs 4-6 enthalten die meisten Proben signifikante Mengen an solarem Neon und Argon.

Die kosmogenen Neonwerte für Klasten des Typs 4, 5, und 6 bezeugen Bestrahlung in einem größeren Objekt.

Impaktschmelz- und schockgeschwärzte Klasten haben allerdings einen niedrigeren Gehalt an solarem Neon.

Das niedrige kosmogene (22Ne⁄ 21Ne)c Verhältnis bei Stücken, die frei sind von solarem Gas, steht im Einklang mit kosmischer Bestrahlung eines großen Mutterkörpers.

Die Konzentrationen von 10Be, 26Al, and 36Cl lassen auf einen Radius von 2.0-2.5 m schließen, bevor der Meteoroid in die Erdatmosphäre eindrang. Zu den beobachteten Schwankungen bei den 10Be Produktionsraten passt am besten ein präatmosphärischer Radius von 225 cm.

Die 14C und 10Be Konzentrationen ergeben ein terrestrisches Alter von 4400 ± 700 Jahren.

Das kosmische Bestrahlungsalter (CRE) von NWA 869 beträgt 5 ± 1 Millionen Jahre. Einige Einschlüsse erfuhren auf dem Mutterkörper jedoch ein höheres Bestrahlungsalter von 10-30 Millionen Jahren – wahrscheinlich Komponenten von dessen Regolith oder aber von einem größeren Objekt an der Oberfläche des Mutterkörpers..

Vor ca. 100.000 Jahren erfuhr die Abschirmung gegenüber kosmischer Bestrahlung wahrscheinlich wegen eines Impakts eine Veränderung. Dabei wurde Material bis zu einer Tiefe von etwa 80 cm ausgeworfen und so Material, das bis dahin vor kosmischer Strahlung abgeschirmt war, einer höheren Dosis kosmischer Strahlung ausgesetzt.

Bei diesem Ereignis wurde entweder ein flaches aber massives Stück herausgerissen oder es wurde auf einer Seite des NWA 869 Meteoroiden ein Krater herausgeschlagen, sodaß dort danach einige Fragmente der kosmischen Strahlung ausgesetzt waren, während der Rest des Meteoroiden (besonders Material, welches sich wahrscheinlich auf der gegenüber liegenden Seite befand) intakt blieb.

Berechnungen, basierend auf der durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit eines Impakts im Asteroidengürtel legen den Schluß nahe, daß der Impaktor einen Durchmesser von ca. 5-15 cm gehabt haben dürfte.

Aufgrund der sehr niedrigen 10Be Konzentrationen in zwei Proben muß der Zeitpunkt dieses Impakts vor wenigen tausend Jahren stattgefunden haben, also etwa 15.000-20.000 Jahre vor dem Einschlag auf der Erde.

NWA 869 hat also eine komplexe Bestrahlungshistorie von einzelnen seiner Komponenten hinter sich – ähnlich den entsprechenden Komponenten in der Ghubara L5 Regolithbrekzie.

Schlußfolgerungen:

1. NWA 869 Material wurde in einer Tiefe von < 10 cm bis 140-160 cm in einem Objekt mit einem präatmosphärischen Radius von 225 ± 25 cm bestrahlt. Diese Größe entspricht einer Masse von 120-230 Tonnen. Das aufgefundene Gesamtgewicht von etwa 7 Tonnen lässt vermuten, daß mehr als 90% der Masse beim Durchgang durch die Atmosphäre durch Ablation verloren gegangen ist.

2. Das terrestrische Alter von 4400 ± 700 Jahren steht im Einklang mit dem relativ niedrigen Verwitterungssgrad von W1.

3. Ein in jüngerer Vergangenheit erfolgtes Ereignis auf dem NWA 869 Meteoroiden entfernte Material bis zu einer Tiefe von etwa 80 cm. Dabei wurde während der vergangenen 20.000-120.000 Jahre weit besser abgeschirmtes Material einer viel höheren kosmischen Strahlungsdosis ausgesetzt.

4. Ältere Einschlüsse mit einem Alter von ca. 4.4 Milliarden Jahren und jüngere Einschlüsse mit einem Alter von 1.8-2.2 Milliarden Jahren wurden miteinander vermischt.

5. Matrix und größere Stücke des NWA 869 Materials enthalten bedeutsame Mengen an solarem Neon und Argon, sind aber praktisch frei von solarem Helium, was den Schluß zulässt, daß es bei einem oder mehreren Impaktereignissen auf dem Mutterkörper verloren ging.

6. Große Einschläge auf dem L-Chondrit Mutterkörper sind vielleicht für den Verlust eines Großteils an solarem Helium aber nur eines Bruchteils solaren Neons verantwortlich und können somit nicht die geringere Anzahl von Regolithbrekzien bei L-Chondriten erklären.

7. Deshalb favorisieren die Autoren die alternative Erklärung, daß die katastrophale Zerstörung des Mutterkörpers der L-Chondrite vor annähernd 470 Millionen Jahren viele kleinere, asteroidale Bruchstücke hervorbrachte, die dann nicht groß genug waren oder nicht genügend Zeit hatten, eine signifikante Regolithschicht aufzubauen.

8. Bei den kosmogenen Nukliddaten für die NWA 869 Proben gibt es keine Anzeichen dafür, daß das große Meteoroidbruchstück der kosmischen Strahlung als großer Felsbrocken an der Oberfläche des L-Chondrit Mutterkörpers ausgesetzt war. In dieser Hinsicht folgt NWA 869 nicht dem Trend einer komplexen Bestrahlungshistorie, wie man sie von anderen großen Chondriten kennt (z.B. Jilin, Gold Basin, und JaH 073).

9. Die Bestrahlung des Regolith erfolgte zeitlich vor den Impakten, die zum Verlust von von radiogenem Helium führten. Die einzelnen Komponenten der NWA 869 Brekzie waren dem solaren Wind und galaktischer, kosmischer Strahlung (GCR) während zweier, verschiedener Episoden der Bestrahlung des Regolith ausgesetzt.

Bernd  :winke:
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Offline speul

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #13 am: Januar 04, 2014, 21:39:41 Nachmittag »
Hallo Bernd,
super-Service von Dir! Danke
Wenn Du das auf alle MAPS-Artikel ausweitest, kann ich mir das Abo und das lesen sparen.  :fluester:
Grüße
speul
Lächle einfach - denn du kannst sie nicht alle töten

Offline pema

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Re: NWA 869 - eine oft verkannte Schönheit aus Nordwestafrika
« Antwort #14 am: Januar 06, 2014, 02:42:33 Vormittag »
Hallo Bernd,

SUPER!  :super:    HERZLICHEN DANK!  :hut:

Beste Grüsse!

PeMa

 

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