Autor Thema: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?  (Gelesen 2294 mal)

Offline boborit

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Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« am: Januar 19, 2013, 18:30:46 nachm. »
Hallo zusammen,

ich recherchiere gerade zum Thema Hexenverfolgung in (meiner Heimatstadt) Goslar. Dazu ziehe ich Unterlagen aus dem Stadtarchiv Goslar zu Rate.
Erstaunlicherweise geriet ich an folgenden Eintrag von Hans Caspar Brandes, hier im Originaltext:
"1556 In diesen Jahre sint veele Zeichen am Himmel geschehen. Dingstages vor Anthony als den 17 January hat es feuer vor Gosl. (Goslar) geregnet.
StA Goslar, B1187, 1556

Könnte sich um einen Meteoriteschauer gehandelt haben, oder?

Habt ihr vielleicht weitere Infos? Im Net kann ich leider nichts weiter finden...

Viele Grüße - Michael :winke:
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Offline speul

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #1 am: Januar 19, 2013, 18:46:16 nachm. »
Moin Michael,

ich denke Du solltest auch Polarlichter mit in Betracht ziehen. 1556 gab es in Mitteleuropa mindestens zwei, die überliefert sind
siehe
http://verplant.org/history-geophysics/Sun/tabelle_2.htm
und dann war 1556 auch noch ein großer Komet sichtbar
http://en.wikipedia.org/wiki/Great_Comet_of_1556
so genau haben die das damals ja alles nicht genommen.
Grüße
speul
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Offline boborit

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #2 am: Januar 19, 2013, 18:57:06 nachm. »
Danke speul,

das wären 2 Erklärungen. Zumindest gibt es dem einleitenden Satz: 1556 In diesen Jahre sint veele Zeichen am Himmel geschehen. eine tiefere Bedeutung. Das "Feuer" wurde allerdings anscheinend nur (?) oder erstmals (?) am Dingstages vor Anthony als den 17 January bemerkt.
Die Aufzeichnungen die ich aus dem Stadtarchiv vorliegen habe sind ansonsten (sicher von Aberglaube und wissentschaftlicher Unwissenheit geprägt) recht präzise, so dass vielleicht doch mehr dahinter steht!? :gruebel:

Losgehen und suchen lohnt sich aber sicherlich nicht mehr... :crying:

Viele Grüße - Michael  :winke:
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Offline Thin Section

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #3 am: Januar 19, 2013, 20:01:57 nachm. »
Hallo Zusammen,

Speul könnte mit der Vermutung recht haben, daß es sich um eine Sichtung des Großen Kometen von 1556 handelt(e) und dies aus zweierlei Gründen:

1) Falls in Goslar noch nach dem Julianischen Kalender gerechnet wurde, wäre der 17. Januar => Ende Januar/Anfang Februar im Gregorianischen Kalender und bei Wikipedia steht ja zu lesen: "The Great Comet of 1556 is a famous comet that first appeared in February 1556."
2) Das "broadsheet" von Paul Fabricius zeigt, daß der Komet hoch zirkumpolar war - er lief durch den Anfang der Deichsel des Großen Wagens in Richtung Kastensterne des Kleinen Wagens, muß also für Goslar hoch und deutlich sichtbar am Himmel gestanden haben.

Vielleicht kann jemand genau(er) eruieren um welchen Tag es sich beim Dingstag vor Anthony als den 17 January genau handelte. Mit dieser Formulierung "als den" kann ich nicht viel anfangen.

Bernd  :winke:
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Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind. (Bertrand Russell, britischer Philosoph und Mathematiker).

Offline aknoefel

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #4 am: Januar 19, 2013, 20:36:17 nachm. »
Der Namenstag am 17.1. ist Antony, der 17.1.1556 war ein Freitag. Wenn Dingstag der Dienstag sein könne, war es der 14.1.1556 (julianisch) = 24.1.1556 (gregorianisch)...
Sag mir mal meine Meinung...

Offline Mettmann

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #5 am: Januar 19, 2013, 20:37:26 nachm. »
Zitat
1) Falls in Goslar noch nach dem Julianischen


Wieso noch? Der Gregorianische Kalender wurde doch erst 1582 vom Papst Gregor XIII. erlassen, weswegen er so heißt.

Hlg. Antonius (der Große) ist am 17.Januar.
1556 müßte der 17.1 eigentlich auf einen Dienstag gefallen sein, wenn die Wochentagszählung trotz der späteren Auslassung der Tage beibehalten wurde?

Ich sag Nordlicht.
Helle Kometen erscheinen nicht punktuell, sondern sind über mehrere Wochen sichtbar und werden in der zeitgenössischen Literatur, insbesondere in den Einblattdrucken als (erschröckliche) Kometen dargestellt.

Indes Polarlichter in den Einblattdrucken (sowas wie eine Zeitung sozusagen), wie alle Naturphänomene außerhalb der Reihe (und daher unheilsverheißend) sehr oft dargestellt werden.

Hier eine kleine, nette Auswahl.

Enjoy:
http://www.meteoros.de/polar/flugbl.htm

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Mettmann


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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #6 am: Januar 19, 2013, 22:42:51 nachm. »
Wieso noch? Der Gregorianische Kalender wurde doch erst 1582 vom Papst Gregor XIII. erlassen, weswegen er so heißt.

Mea culpa!

Indes Polarlichter in den Einblattdrucken (sowas wie eine Zeitung sozusagen), wie alle Naturphänomene außerhalb der Reihe (und daher unheilsverheißend) sehr oft dargestellt werden.

Macht Sinn! Aber, wenn Polarlichter in den Einblattdrucken sehr oft dargestellt werden, warum dann nicht dieses aussergewöhnliche Aurora-Spektakel über Goslar (oder von irgendwo in der Nähe)? Ob vielleicht doch ein Einblattdruck irgendwo in irgendeiner Bibliothek schlummert? Michael, jetzt bist Du wieder gefragt, jetzt sind Deine (weiteren) Recherchen wieder gefragt!

Bernd  :winke:
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Offline Mettmann

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #7 am: Januar 20, 2013, 00:59:28 vorm. »
Naja,
es muß sich halt ein Holzschneider und ein Drucker finden, die ein Geschäft wittern.
Denn was Naturerscheinung angeht, passiert ja eigentlich immer und überall was.
Solche Flugblätter zeigen ja auch öfters Haloerscheinungen um Sonne und Mond, Nebensonnen, selbst Wetterleuchten, Hagelunwetter, leuchtende Nachtwolken usw. usf.
Nordlichter wurden auch gern genommen, schon allein wegen der rötlichen Farb.
Dann sind auch diese Einblattdrucke nicht besonders zuverlässig, was die bildliche Darstellung angeht, da derjenige, der den Holzschnitt kreiert selten ein Augenzeuge war (manchmal wurde auch einfach abgekupfert).
Auch die Interpretation - bei den deutschen Einblattdrucken nimmt ja immer ein großer Teil der Holzschnitt ein, der das Wunderzeichen abbildet, und darunter im Text, was wann wo geschehen und v.a. dann, was es zu bedeuten habe - also auch die Interpretation und die Terminologie ist sehr stereotyp
- grundsätzlich alles was aus der Reihe geschieht am Himmel und beim Wetter deutet auf ein schröckliches Unheil hin,
und es wird immer auf die Bibel referiert, also die ägyptischen Plagen, Sodom und Gomorrha, Johannesoffenbarung usw.
daher gibts dann eben Blutregen, wenn Algen am Boden es rot färben, es regnet Schwefel, wenns viele Pollen hat oder der Wind Saharasand über die Alpen trägt, die Berührungbögen bei Halos werden zu drohenden Schwertern, die Wolken zeigen kämpfende Heere,
wenn nach starkem Regen die Fröschlein im Gras hupfen oder die Ratten aus den Kellern flüchten, dann hat es Ungeziefer geregnet.

daher auch der "Feuerregen".

Dem allen und dem drohenden Ende kann man natürlich nur entgehen, wenn man Buße tut ect.

Mei von der Funktion her,
ists auch ned anders als das was wir heut haben, das Dioxin im Hühnerei, die Afflatoxine in den Pommes, die Vogelgrippe, die Schweinsgrippe, polyziklisch Kohlenwassertoffe im Grillwürstl usw.
oder Island ist pleite, Irland is pleite, Waldsterben, Seveso und Tschernobyl, Handystrahlung, Griechenlandkrise -
oder um bissi Forumskontextnäher zu sein, wenn selbst in der Normalofernsehzeitschrift Mayakalender und Apophis zusammenkommen.
Also Haupstach, die Welt geht unter und man gruselt sich.

Und das war eben damals wie heut ein einträgliches Geschäft.

Und mit dem Buchdruck, 16.Jhdt, lag halt zum erstenmal eine Technik vor, mit dem man massenhaft vervielfältigen konnte,
gibt ja auch politische Einblattdrucke und wenn man sieht wie Luther&Co. diese Flugblätter genutzt haben,
mit teilweise sehr derben Scherzen gegen Bischöfe und Papst.

Hihi, und heut, heut ist Blutregen eben keine drohende göttliche Strafe, sondern, wenn er in Kerala fällt, dann ists ein Zeichen der Ausserirdischen.

Prosit!
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Mettmann

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MilliesBilly

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #8 am: Januar 20, 2013, 10:22:46 vorm. »

Forum of its best, danke sehr, die Herren.

"Abgeholzt" müsste es wohl heißen, beim Holzschnitt ... ; - )

MilliesBilly

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #9 am: Januar 20, 2013, 10:36:14 vorm. »

Forum of its best, danke sehr, die Herren.

"Abgeholzt" müsste es wohl heißen, beim Holzschnitt ... ; - )

Zum grundsätzlichen empirischen Gehalt solcher Blätter: http://www.wunderzeichen.de/essays/wundertiere/fisch.jpg  Sowas wurde dann schon gern mal mit Sätzen wie "Warhafftige Relation oder Bericht Eines wunderbarlichen Wunder=Thiers oder Monstrum" eingeleitet ...

Oder, aus dem Türkenkrieg, eine göttliche Warnung an die muselmanischen Krieger, writ in the sky: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/2f/Wahre_und_eigentliche_Abbildung_Ausschnitt.jpg/450px-Wahre_und_eigentliche_Abbildung_Ausschnitt.jpg

Wahre eigentliche Abbildung / Eines entsetzlichen Wunder-Zeichens zu Esseck:
"So sich Sontags / den 10./20. Julii / dieses 1687. Jahres / nach einem vorher gegangenen erschröcklichen Gewitter / bey wieder ausgeheiterter Lufft / Abends / mit herreinrückender Nacht / am lichten Himmel / zu grausamen Entsetzen vieler Tausende / die es sahen / hat ereignet und zugetragen."


Offline boborit

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Re: Meteoriteschauer vor Goslar 1556?
« Antwort #10 am: Januar 20, 2013, 19:28:46 nachm. »
Hallo zusammen,

sollte ich noch Näheres zu dem "Feuerregen" raus finden (Stadt-Archiv), lasse ich es euch wissen. Kann allerdings eine Weile dauern.
Danke für eure Meinungen, Ausführungen und Hinweise!! :super:

Viele Grüße - Michael :winke:
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